Zug
Was ist hier jetzt Fotografie, und was ist Malerei?

Der Fotograf Christof Theiler und die Malerin Andrea Bösiger haben ein originelles Projekt lanciert: Es darf mitgeraten werden.

Monika Wegmann
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Die beiden auf den ersten Blick identischen Werke vom Fotograf Christoph Theiler und der Malerin Andrea Bösiger sind an der Ägeristrasse ausgestellt.

Die beiden auf den ersten Blick identischen Werke vom Fotograf Christoph Theiler und der Malerin Andrea Bösiger sind an der Ägeristrasse ausgestellt.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 24. August 2022)

So manche Leute, welche derzeit an der Ägeristrasse 26 in Zug vorbeilaufen und dort in das Schaufenster blicken, sind vielleicht überrascht. Es ist nicht allein der prächtige Steinbock, der auf einem Felsvorsprung steht, vor einem blauen Himmel. Sondern weil das scheinbar gleiche Bild zweimal ausgestellt ist. Hier geht es nämlich um die Frage: Welches Bild ist die Fotografie von Christof Theiler und welches das Gemälde von Andrea Bösiger?

Beide Bilder sind im selben Format, auf derselben Leinwand erstellt und hängen identisch gerahmt nebeneinander. Man muss wirklich sehr genau hinsehen, wenn man klitzekleine Unterschiede entdecken will. Denn es ist der Zugerin Andrea Bösiger unglaublich gut gelungen, in riesiger Geduldsarbeit das Steinbock-Motiv exakt abzumalen.

Die Idee für das spannende Projekt kam dem Zuger Fotografen Christof Theiler, als er einige Bilder von Bösigers fotorealistischer Malerei sah, er war beeindruckt. «Ich habe sie angefragt, ob sie eine meiner Fotografien nachmalen möchte, worauf sie begeistert reagierte.» Besonders gefreut hat ihn, dass sie den Steinbock gewählt hat. Sein Ziel ist, dass die Betrachtenden herausfinden sollen, welches Bild gemalt und welches die Fotografie ist. Die beiden Akteure freuen sich, dass sie immer wieder auf die Bilder angesprochen werden und positive Reaktionen eintreffen. Sie betonen: «Unser Ziel ist, dass die beiden Bilder zusammenbleiben.»

Das Anspruchsvollste: Der Hintergrund

Ein Jahr später ist es nun so weit, beide Bilder hängen bis zirka Ende Jahr im Schaufenster. Und Christof Theiler ist noch immer begeistert davon, was Andrea Bösiger vollbracht hat. Sie begründet die Wahl des Motivs so:

«Ich habe gerne Tiere. Der majestätische Steinbock war mein absoluter Favorit. Seine Kraft und Eleganz, der blaue Hintergrund, die Farben und Stimmung haben mir sofort gefallen.»

Beim Malen mit den Acrylfarben habe sie auf einer 100-x-100-Leinwand mit einem Raster gearbeitet, damit die Proportionen des Abbildes stimmen. Das ging so zwei- bis dreimal pro Woche, über einige Monate. «Beim mehrschichtigen Farbauftrag war das Schwierigste der verschwommene Hintergrund. Der hat viel Zeit gebraucht, und wegen der schnell trocknenden Farben wäre fast das Bild kaputtgegangen.» Andrea Bösiger ist nicht ganz zufrieden: «Der Hintergrund ist ein bisschen zu dunkel und die Proportionen sind nicht so, wie ich wollte.» Theiler hält dagegen: «Für mich ist das der gleiche Steinbock, das Bild ist perfekt.»

Welches von beiden ist nun gemalt? Welches fotografiert?

Welches von beiden ist nun gemalt? Welches fotografiert?

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 24. August 2022)

Der Gedanke an die Begegnung mit dem Steinbock bewegt den Fotografen noch immer. Etwas unterhalb des Kistenpasses im Grenzgebiet Glarner-/Bündnerland habe er eine Gruppe Steinböcke gesehen, welche sich auf einem Plateau ausruhte. Zum Fotografieren sei er langsam näher herangegangen und habe sich ins Geröll gesetzt. Nach zwei Stunden sei die Gruppe, die ihn bemerkt habe, näher gekommen und habe ihn eingekreist. «Ich nahm die Kamera ans Auge, der laute Verschluss schreckte sie nicht zurück. Die Begegnung war einfach unbeschreiblich intensiv und schön.»

Realistische Malerei als Herausforderung

Der «Urzuger» Christof Theiler (55) wird neben der Fotografie ab 1. September als Leiter Bildung, Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit im Ziegelei-Museum in Cham arbeiten.

Andrea Bösiger (68), in Oberwil aufgewachsen, hat sich als Autodidaktin in Kursen weitergebildet. So fand sie ihre besondere Bildsprache. Dank Atelier kann sie sich heute der Malerei intensiver widmen. Ihre Themen sind Tiere, die Region Zug und Landschaften. «Die realistische Malerei ist eine Herausforderung. Ich bin stets auf der Suche nach dem perfekten Motiv. Dabei achte ich auf eine hohe Auflösung der Referenzfotos. Relevant sind auch die Licht- und Schattenverhältnisse der Bildkomposition. Doch das Wichtigste, damit ein Sujet den Weg auf meine Leinwand findet: Es muss eine Emotion in mir wecken.»

*Aufgelöst wird das Rätsel auf den Websites der beiden Künstler: www.andreaboesiger.ch und www.christoftheiler.ch