Zug
Eine Akkordeon-Winterreise über den Atlantik und zurück

Das Akkordeon-Orchester Zug-Baar (AOZB) wartete am Sonntagabend mit einem liebevoll gestalteten Winterkonzert auf. Geleitet wurde es vom beliebten ukrainestämmigen Akkordeonprofi und -pädagogen Sergej Simbirev.

Dorotea Bitterli
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Auf «Reisen» mit dem Akkordeon-Orchester Zug-Baar unter der Leitung von Sergej Simbirev.

Auf «Reisen» mit dem Akkordeon-Orchester Zug-Baar unter der Leitung von Sergej Simbirev.

Bild: Maria Schmid (Zug, 22. Januar 2023)

Sergeij Simbirev ist das sechste Glied in der ununterbrochenen Dirigierfamilientradition, welche die 86-jährige Geschichte des AOZB bestimmt hat: vom Gründer Dieter Schmitz über Schwiegersohn Jörg Draeger und Tochter Heidi Draeger-Schmitz zu den Enkeln Patricia und Marc Draeger und schliesslich zu Simbirev, der mit Patricia Draeger verheiratet ist und 2022 den Taktstock und die musikalische Verantwortung übernahm.

Die Internationalität dieser Musikerfamiliengeschichte spiegelte sich auch im Winterkonzert 2023 des AOZB: Auf dem Programm standen Werke, die mittels Musik geografische Landschaften zwischen der Schweiz und Nordamerika evozierten. Dazu hatte sich im Pfarreisaal Guthirt ein zirka 60-köpfiges Publikum eingefunden; auf der Bühne prangten spielbereit 13 kostbare Akkordeons.

Den Anfang machte das «Panis angelicus» des Franzosen César Franck. Besinnlich, langsam, mehrstimmig schreitend spielten die 13 Laienmusikerinnen und ein Schlagzeuger den bekannten Hymnus, der auf einen von Thomas von Aquin verfassten Fronleichnamstext zurückgeht. Franck gab ihm bei der Vertonung (1872) einen Cross-over-Charakter, sodass sich die bei Gesangssolisten beliebte Melodie für liturgische und weltliche Zwecke eignet.

Berlin, Buenos Aires und Solothurn

Als zweites Stück kündigte Urs Roth, der das Publikum durch den Konzertabend führte, «Immortal» von Hans Boll an. Der deutsche Komponist, der seine Musik über den Zweiten Weltkrieg retten und zwischen DDR und BRD behaupten musste, schrieb diesen variationsreichen Tango als eine Hommage an Astor Piazzolla. Für die AOZB-Aufführung setzte sich Patricia Draeger mit der mundgeblasenen Akkordina zum Orchester, um in den anspruchsvollen Passagen zu solieren. Zwischen Schmelz und Aufwallung ein aufregendes Stück Musik!

«Soleure – Solothurn» von Marc Draeger (2016) malte ein Stimmungsbild der schweizerischen Stadt: wie ihre Stimmen frühmorgens eine um die andere erwachen; wie polkaartig rhythmisch es auf dem Markt zu- und hergeht, unterstrichen von Trommelwirbeln und Glöckchentamburin; die Idylle der Verenaschlucht aber gerann zu einer Ballade. Und ganz spannend war dann der Übergang zum Kirchengeläut, als über Pauke und Akkordeonbässen nach und nach ein repetitives, sich ständig leicht veränderndes Glockenmotiv entstand.

Westernabenteuer, irische Träume und Filmwelten

Vom populären holländischen Blasmusikkomponisten Jacob de Haan liess das AOZB gleich drei Stücke erklingen: zuerst das berühmte «Oregon», das auf einer abenteuerlichen Zugfahrt mit der Northern Pacific Railway mittels Western- und Rockvariationen vergangene Szenerien mit Cowboys, Goldgräbern und Planwagen Revue passieren liess. Ähnlich programmatisch war die Musik in «Pasadena», indem sich Facetten der kalifornischen Stadt zu einem eigentlichen «Hörgemälde» zusammenfügten. Und «Friends Forever» liess eine Freundschaft zu wunderschöner musikalischer Lyrik werden.

Der «Irische Traum» des schwäbischen Komponisten Kurt Gäble skizzierte Landschaft und Meer der britischen Insel. Und der Evergreen «Moonriver», 1961 von Henry Mancini für Audrey Hepburn geschrieben, entführte in die Filmwelt Hollywoods.

Im zweiten Teil des Abends wurde der Orchesterstamm im Rahmen des «Akkordeonfensters» durch sechs weitere Akkordeonspielende ergänzt, die länger nicht mehr musiziert hatten und so wieder Gelegenheit dazu bekamen. Dabei war das gemeinsame Spiel unter Simbirevs Dirigat von einer Atmosphäre berührender Fokussierung, Freude und Hingabe geprägt.