Zuger «Perle»
Mit 65 Millionen Franken will die Stadt Zug den Zurlaubenhof kaufen

Die Finanzen der Stadt seien kerngesund und das Grundstück zwischen Hof- und Zugerbergstrasse ein Stück Zuger Geschichte, so der Stadtrat. Er hat nach einem Jahr intensiven Austauschs und Prüfung der Unterlagen beschlossen, auf das Angebot einzugehen und dazu eine Volksabstimmung durchzuführen.

Zoe Gwerder
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Aussenansicht des Zurlaubenhofs.

Aussenansicht des Zurlaubenhofs.

Mathias Blattmann (Zug, 9. Dezember 2021)

«Der Stadtrat ist sich einig: Mit dem fairen Preis von 65 Millionen Franken ist es eine einzigartige Gelegenheit, den Zurlaubenhof zu übernehmen.» Der städtische Finanzvorsteher André Wicki steht gemeinsam mit Stadtpräsident Karl Kobelt und dem Sprecher der aktuellen Besitzer, Martin Bossard, im alten Saal im Zurlaubenhof – im grössten privaten Festsaal der Innerschweiz. Dieser ist verziert mit trinkenden und bewaffneten Engeln an der Decke, mit Bildern aller französischen Könige an den Wänden sowie verschiedenen Söldnern an ebendiesen. Wicki spricht davon, er sei emotional berührt von der grossen Geschichte, die der Zurlaubenhof darstelle – «und das mitten in der Stadt Zug».

Und diese geschichtsträchtige Anlage soll für die Nachwelt erhalten bleiben. Das ist das Ziel der Besitzer – der Familie Bossard – sowie auch der potenziellen Käuferin, der Stadt Zug. Denn die Gebäude, die zwischen 1597 und 1621 entstanden sind, waren während zweihundert Jahren quasi die Zuger Zentrale der Söldnerrekrutierung für Frankreich.

Der Weisse Saal, La salle blanche, mit seinen in Blau gehaltenen Rokoko-Bildern, den üppig roten Sesseln und Sofas sowie mehreren kleineren Kronleuchtern.

Der Weisse Saal, La salle blanche, mit seinen in Blau gehaltenen Rokoko-Bildern, den üppig roten Sesseln und Sofas sowie mehreren kleineren Kronleuchtern.

Mathias Blattmann (Zug, 9. Dezember 2021)

Doch als nach der Revolution der letzte Nachkomme der Familie Zurlauben verarmte, veräusserte er das Grundstück vor 178 Jahren an die Familie Bossard. Diese bewohnt Teile der Gebäude bis heute. Die jüngste Bossard-Generation war vor rund einem Jahr aber zum Schluss gekommen, dass ihnen der zeitliche Aufwand zu gross ist, weshalb sich die Familie zum Verkauf entschied.

Wie das verrostete Schild am Zufahrtstor des Zurlaubenhofs geht auch die Ära der Familie Bossard beim historischen Grundstück ihrem Ende entgegen.

Wie das verrostete Schild am Zufahrtstor des Zurlaubenhofs geht auch die Ära der Familie Bossard beim historischen Grundstück ihrem Ende entgegen.

Mathias Blattmann (Zug, 9. Dezember 2021)

In fremden Diensten reich geworden

Der erste Zurlauben, mit dem Vornamen Anton, wanderte 1478 von Zürich herkommend in den Kanton Zug ein. Die Wurzeln dieser Familie lagen im heutigen Kanton Wallis. Anton Zurlauben (1439–1519) erhielt nach zehn Jahren in der Stadt Zug deren Bürgerrecht. Zu Geld und Ehre kamen die Zurlauben in französischen Diensten, wo sie höchste militärische Positionen erreichten und als Militärunternehmer sehr geschätzt waren. Das heisst, sie stellten Truppen für die französischen Könige auf, die ihnen dafür Bares gaben.

Um ihrer Position in der Stadt Zug gerecht zu werden, baute Konrad Zurlauben (1571–1629) zwischen 1597 und 1621 ein Haus, das sich sehen lassen konnte. Den Kern bildete ein Bauernhof. Es kamen später weitere Bauten hinzu. Der Stern der Zurlauben-Familie begann zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu sinken. Zwischen 1728 und 1736, es war die Zeit des sogenannten Harten- und Lindenhandels, kam es zu einem Streit über die Verteilung von französischen Pensionen und den Salzhandel. Letzterer war den Zurlauben exklusiv überlassen worden. Die Familie musste dann jedoch ihre Gewinne aus dem Salzverkauf zurückzahlen. Mit dem Tod von Beat Fidel Zurlauben (1720–1799) starb das bekannte Zuger Geschlecht aus. Der letzte Zurlauben diente auch dem französischen König, im Zuge der französischen Revolution von 1789 verlor er die Gelder aus Frankreich.

Das Familienarchiv der Zurlauben befindet sich heute in der Kantonsbibliothek Aarau. Dazu gehören 10'000 Werke aus der Zurlauben-Familienbibliothek. Zudem rund 3000 Briefe des letzten männlichen Zurlauben, der sich mit vielen Gelehrten seiner Zeit austauschte. (mo)

Die Stadt war für die Familie ein Wunschkäufer. Und der Stadtrat gelangte denn auch zur Überzeugung, dass er das Anwesen kaufen will. Wie Stadtpräsident Karl Kobelt sagt, «mangelt es nicht an triftigen Gründen, das Geschäft abzuschliessen». So erwerbe die Stadt mit dieser barocken Hof- und Gartenanlage «ein prägendes Stück Zuger Identität». Diese «Perle» könne für die kommenden Generationen erhalten, die öffentliche Zugänglichkeit gesichert und möglichen Spekulationen entzogen werden. Und nicht zuletzt sei die Finanzierung für die Stadt derzeit gut zu stemmen.

«Seit 2015 konnten hohe Überschüsse generiert werden, welche in Summe den Kaufpreis bei weitem übersteigen.»

Die Eigenkapitalquote liege bei über 80 Prozent. «Die Stadtfinanzen sind kerngesund. Die Stadt kann den Kauf praktisch vollumfänglich aus eigenen Mitteln finanzieren», so Kobelt.

Auf dem Areal sollen Wohnungen entstehen

Für das Zurlaubenhof-Grundstück besteht zudem ein Bebauungsplan, der bereit für das Bewilligungsverfahren ist. Dieser sieht den Bau von 40 bis 45 Wohnungen vor. Die Idee des Stadtrates sei es, die Parzellen im Baurecht zu vergeben, erklärt Kobelt. Wie es mit der Zugänglichkeit des historischen Zurlaubenhofs aussehen wird und welche Räume dereinst wie genutzt werden sollen, lasse der Stadtrat bewusst noch offen. «Dies wollen wir gemeinsam mit dem Grossen Gemeinderat erarbeiten.»

Ein Kupferstich des Zurlaubenhofs aus dem 18. Jahrhundert.

Ein Kupferstich des Zurlaubenhofs aus dem 18. Jahrhundert.

Bild: PD

Für die 65 Millionen Franken soll die Stadt Zug also das rund 32’500 Quadratmeter grosse Gebäude inklusive Inventar wie Mobiliar und Bibliothek erwerben können. Dies sind rund 2000 Franken pro Quadratmeter. Um den Preis festzulegen, habe man die Liegenschaft von insgesamt drei Experten schätzen lassen, erklärt Wicki. Zudem sei eine umfassende Gebäudeanalyse erstellt worden. Nun habe man mit einem Vorvertrag ein Zeichen gesetzt. Über den definitiven Kauf soll nun erst das Stadtparlament und danach auch das Stimmvolk entscheiden können.

Luftaufnahme des Zurlaubenhof-Areals mit dem schraffierten Grundstück-Perimeter

Luftaufnahme des Zurlaubenhof-Areals mit dem schraffierten Grundstück-Perimeter

Bild: Flying Camera/PD

Wicki will das Geschäft bis im Februar in den Grossen Gemeinderat bringen, mit dem Ziel, es im Mai an die Urne kommt. Erst wenn der Kauf über die Bühne sei, solle dann auch der Bebauungsplan eingereicht werden. Dieser sieht eine Ausnützung von 29 Prozent vor, obwohl eigentlich 40 Prozent möglich wären, wie Wicki erklärt. Wird auch der Bebauungsplan von Parlament und Volk verabschiedet, könnten die Neubauten etwa im Jahr 2030 bezugsbereit sein.