Seitenblick
Camus und die Liebe

Wie ein schnörkelloser Satz unsere Autorin einen neuen Blick auf ihre Gefühlswelt hat werfen lassen.

Vanessa Varisco
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Vanessa Varisco.

Vanessa Varisco.

Nach ein paar Monaten, in denen ich nichts anderes getan hatte, als zu funktionieren, gab ich mich kürzlich dem Genuss hin und las. Der erste Mensch. Camus. Grossartig. Ich wusste um die Wirkung seiner Zeilen auf mich, denn es war nicht das erste Mal, dass ich sie las. Dennoch war ich überrascht, als mir bereits nach wenigen Seiten Tränen siedendheiss in die Augen stiegen. Bei einem Dialog zwischen Malan und Cormery, wobei Letzterer zum anderen sagt, ihm gegenüber zu Stolz unfähig zu sein. Wieso? «Weil ich Sie liebe», sagte Cormery ruhig. Schnörkellos. Pointiert. Kein Geschwafel. Nur ein Satz. Einer voller Liebe.

Ich konnte nicht weiterlesen, mich nicht weiter auf die Geschichte einlassen, sondern nur daran denken, weshalb mich dieser Satz so berührt zurückliess. Zum einen war es die Offenheit des Liebenden. Natürlich macht er sich verletzlich durch sein Bekenntnis und doch scheut er nicht davor zurück zu seinen Gefühlen – und damit zu sich selbst – zu stehen. Die meisten von uns kennen das zuweilen anders, wir drucksen herum, schieben ein «Ich liebe dich» vor uns her. Schade.

Zum anderen – und vor allem jener Punkt hatte hohe Durchschlagskraft – ist es das Sensationslose, mit der die Liebe umrissen wird. Gänzlich ohne Dramen, Feuerwerk oder sonstigen Schnickschnack. Keiner springt am Flughafen über Absperrungen für eine Liebeserklärung, weder Tränen – abgesehen von den meinen – noch ein Rosenkrieg. Dieser Satz hat mein Verständnis für Liebe für immer verändert. Es braucht kein Verliebtsein oder ein Kribbeln in der Magengegend, um zu lieben. Für die Liebe reicht es, wenn sich Ihnen jemand zuwendet, wenn Sie «sehr jung, sehr dumm und sehr allein» sind. So führt es der Liebende in Camus Schrift aus.

Natürlich habe ich für mich geprüft, ob diese Behauptung sich in ein reales Leben einfügen lässt. Lässt sie. So hatte ich erst kurz davor Begegnungen, die ich emotional nicht befriedigend einordnen konnte. Jetzt kann ich sie mit Liebe benennen, weil mir das Sensationslose die Angst davor genommen hat.

Was nicht heissen soll, dass Sie und ich den Begriff Liebe jetzt inflationär nutzen sollen. Genauso wenig wie Sie jemanden hassen, den Sie nicht mögen. Aber wenn Sie es tun, gibt es keinen Grund, sich davor zu fürchten.

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