Kolumne
«Seitenblick»: Leere ist kein Fortschritt

Redaktor Marco Morosoli trauert dem haptischen Fahrplan nach, denn die Zugerland Verkehrsbetriebe nicht mehr herstellen.

Marco Morosoli
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Bild: Stefan Kaiser

Die Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB) geben auf. Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2021 gibt es den Netzfahrplan der ZVB nicht mehr als kleines handliches Büchlein. Die Erklärung für diesen Verzicht konnten die Bosse getrost anderswo abschreiben. Die ZVB und diejenigen ÖV-Betriebe, welche schon länger auf den gedruckten Fahrplan den Kampf ansagten, verkaufen ihren Verzicht als das Klima schonend.

Es ist eine Ironie, dass in der ZVB-Anleitung, wie der Kunde mit diesem Verzicht umgehen soll, ein Verfahren, bei dem der Kunde zum Drucker muss, genannt wird – Haltestellenfahrplan nennt sich dies. Die Abfahrtszeit am Ausgangspunkt und die Zeit, die es braucht, um den vom Kunden gewünschten Ort zu erreichen. Was dazwischen liegt – wen interessiert’s?

In seinem neuen Buch «Wir Mobilitätsmenschen» bezeichnet der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel dies als OD-Matrick. O für «Origin» oder Ursprung, D für «Destination» oder Ziel. Was zwischen diesen Punkten liegt, ist belanglos. Bei dieser Vorgehensweise verlieren wir das Drumherum völlig aus den Augen. Es soll Leute geben, die in die Ferien reisen, ohne zu wissen, mit welcher Airline sie fliegen, geschweige denn, in welchem Land sie Ferien machen. Da stockt einem das Herz.

Der gedruckte Fahrplan gab Reisenden, die mit offenen Augen unterwegs sind, Hinweise auf Bahnhöfe entlang der Strecke. Die Möglichkeit, mit Scheuklappen durch die Welt zu kommen, ist eine relativ neue menschliche Errungenschaft. Denn vor etwas mehr als 130 Jahren gab es noch einen kleinräumigen Zeitsalat. Wer den Bodensee umrundete, musste die aktuelle Zeit immer wieder anpassen. Wegbereiter für die 24 Zeitzonen waren die Eisenbahnen.

Weil wir heute zunehmend verlernen, dass bei einer Reise auch der Weg Bestandteil des Ziels ist, verlernen wir die Schätze unserer Komfortzone zu erkennen. Wir fliegen um die Welt, aber wir bewegen uns mehrheitlich in unserem eng abgesteckten Universum. Wer einmal in einem Fahrplan geschmökert hat, dem tun sich neue Horizonte auf. Der Fahrplan ist ein spannendes Buch. Es ist aber eines, das selbst nach einem Jahr nicht ausgelesen war.