Kontroverse
Ist es schon Zeit für Weihnachtsstimmung?

«Der frühe Vogel fängt den Wurm», heisst es so schön. Oder doch nicht?

Carmen Rogenmoser und Marco Morosoli
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«Bis Weihnachten dauert es doch noch fast zwei Monate», antwortete mir meine Schwester letztens auf die Frage nach dem diesjährigen Weihnachtsmenü. Stimmt, musste ich mir eingestehen – und war selber völlig perplex über meinen Aktionismus.

Carmen Rogenmoser

Carmen Rogenmoser

Tatsächlich sind Geschenkideen schon an Grosseltern und Gottis und Göttis verteilt, die eigenen Gaben bestellt und auch die Bastelsachen für die Kinder unterwegs. Vor meinem inneren Auge sehe ich alles schon fein säuberlich unter dem Weihnachtsbaum aufgestellt. Am liebsten würde ich sofort die Lichterketten auspacken. Weshalb ich mich in diesem Jahr vor Vorfreude kaum halten kann, kann ich mir selber nicht genau erklären. Habe ich mich von der eigentlich verfrühten Weihnachtsdeko in den Läden anstecken lassen, oder sind es die drohenden Lieferengpässe, die mich haben handeln lassen? Eigentlich bin ich sonst eher der Typ «auf den letzten Drücker» und lebe damit ziemlich gut. Auch wenn es nach Klischee tönt: Die Geschenke stehen an zweiter Stelle. Was zählt, ist das Zusammensein mit der Familie. Und das ist bei uns tatsächlich meist sehr harmonisch und schön.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Im Gegensatz zum letzten Jahr stehen die Chancen einigermassen gut, dass wieder die ganze Familie an einem Tisch sitzen kann – und das bringt mich eben schon jetzt dazu, mir über das Menü Gedanken zu machen.


Ich kenne das geflügelte Wort «Der frühe Vogel fängt den Wurm.» Ich handle danach, indem ich Zugfahrten weit im Voraus buche. Bei den Weihnachtsgeschenken fahre ich dieses Jahr eine andere Linie. Warum? Das Wort des Jahres ist nicht «cringe», das ungefähr mit «peinlich sein» zu übersetzen ist, sondern «drohen». Ein paar Beispiele. Es droht ein Pasta-Mangel, da in Kanada die Weizenernte 2021 schlecht ausgefallen sei. Es droht der Stromnotstand. Einen Bettennotstand haben wir schon länger. Hefe ist auch rar. Da das Mehl bald leergekauft ist, gibt es keinen Backspass mehr. Und so weiter.

Marco Morosoli

Marco Morosoli

Bei all dieser Unbill setze ich auf eine andere Taktik. Ich bin mit dem Verkaufspersonal freundlich. Danke für eine Handreichung. Geschenke ergibt diese Lebensart. Da es weiterhin Mehl und Treibmittel gibt, kann ich immer noch einen Zopf backen. Ein anderes Geschenk ist Zeit. Es ist das wertvollste Gut, das wir einem anderen Menschen geben können. Über den Himmel und die Welt diskutieren, das ist ein sehr persönliches Geschenk. Mögliche Adressaten: Freundin, Frau, Mann, Freund und welche Kombinationen sonst noch möglich sind. Vielleicht mag der eine oder andere auch wieder einmal über die Lippen zu bringen: Ich mag dich. All diese Geschenke gibt es nicht online, aber in unbegrenzter Zahl. Das Zittern, ob der Paketpöstler kommt, fällt so auch weg. Es müssen ja nicht immer Schneebesen aus China sein.