Kommentar «Chefsache»
Was, wenn immer Weihnachten wäre?

«Für mich geschieht Weihnachten das ganze Jahr über», sagt Irene Gassmann, Priorin des Benediktinerinnenklosters Fahr. Unvorstellbar – oder vielleicht doch nicht?

Harry Ziegler
Harry Ziegler
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Sie ist Priorin des Klosters Fahr: Irene Gassmann. Im Gespräch in unserer Zeitung wird sie unter anderem gefragt, was ihr Weihnachten bedeute. Sie sagt: «Für mich geschieht Weihnachten das ganze Jahr über. Immer dann, wenn uns unerwartet ein ‹Licht aufgeht›, wenn Versöhnung möglich wird, wenn uns etwas gelingt ... dann kommt Gott in unsere Welt.»

Stellen Sie sich vor, was es bedeutete, wenn Weihnachten – nicht der Kommerz, sondern der Gedanke – das ganze Jahr hindurch wäre. Was würde dies mit uns machen? Mit unserem Zusammenleben, unserer Arbeit, mit unserer Gesellschaft? Unvorstellbar, nicht?

Weiter sagt die Priorin dazu, dass viele Menschen hohe Erwartungen in die Weihnachtsfeiertage setzen, diese würden oft enttäuscht. «Wichtiger scheint mir, dass wir immer, in unserem Alltag, als ‹weihnachtlich-aufmerksame› Menschen leben.»

Weihnachten am 25. Dezember zu begehen, das ist eine religionsgeschichtliche Hypothese, denn das Geburtsdatum Jesu Christi wird im Neuen Testament nicht genannt. Es könnte damals also irgendwann im Jahr so weit gewesen sein. Warum also nicht den Gedanken der Priorin aufnehmen und unseren Alltag das ganze Jahr hindurch «weihnachtlich-aufmerksam» leben?

«Weihnachtlich-aufmerksam» leben bedeutet nicht, dass wir ab sofort stoisch hinnehmen, was uns widerfährt. Im Gegenteil: Dieses Leben verlangt von uns hinzuschauen, uns dort zu regen, wo es nicht nur uns sondern eine Vielzahl von Lebewesen betrifft. Ungerechtigkeiten anprangern, beseitigen. Menschen, die Hilfen benötigen, diese nicht versagen.

Stellen Sie sich vor, Weihnachten wäre immer. Irgendwie unvorstellbar. Aber einen Versuch ist es wert. Oder?