Kolumne «Standpunkt»
Weit haben wir es gebracht!

Ignaz Voser über die städtebauliche Entwicklung Zugs.

Ignaz Voser, Gemeinderat CSP, Zug
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Ignaz Voser, Gemeinderat CSP, Zug

Ignaz Voser, Gemeinderat CSP, Zug

Bild: PD

Seit mehr als 60 Jahren entwickelt sich die Stadt Zug weg von einer Industriestadt hin zu einer erfolgreichen Dienstleistung- und Handelsmetropole. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ging es den Leuten in Zug besser. Inzwischen ist der Lebensstandard in Zug beneidenswert hoch und die Steuern so tief wie noch nie. Zug wird darum von vielen als Sonderfall wahrgenommen.

Es lief zwar nicht immer alles wie am Schnürchen, aber man kann schon sagen: Wir haben es weit gebracht! In den letzten Jahren dann der Hochhausboom und ein Wachstum, welches eher an Nordamerika oder an Golfstaaten erinnert als an die Kleinstadt an See und Berg. Leider sind die Sünden und Versäumnisse dieser Boomerjahre dem Stadtbild deutlich anzusehen. Zudem wird viel zu viel gependelt und zu wenig gewohnt.

Städtebaulich ist Zug der Ort mit vielen verpassten Chancen. In dieser Hinsicht ist Zug genau genommen eine Enttäuschung. Weit haben wir es auch gebracht im Wegsehen und im Hinnehmen desjenigen, was unser Auge beleidigt und den Schönheitssinn verletzt. Um die beschauliche und gut behütete Zuger Altstadt – und sogar mitten hinein – hat man neue Quartiere gebaut, Häuser, Strassen und mächtige Bürokomplexe, und wir haben es geschehen lassen, ohne zu fragen, was sich dadurch am Stadtbild und am Charakter der Stadt ändere. Die sich in den vergangenen Jahren vermehrt ausbreitende Beliebigkeit und das Auge beleidigende Hässlichkeit des neu Entstandenen sind mancherorts geradezu unerträglich.

Gewiss, es gab auch früher nicht nur Gelungenes und gut Geplantes. Doch was daneben ging und schlechte Figur machte, war eingedämmt und eingeschränkt von Bauten, die einen Sinn ergaben in Anzahl, Anordnung und Proportion. Es war das eine oder andere als Einzelbau vielleicht ebenso misslungen, aber es wucherte noch nicht über alles hinweg wie Krebszellen über gesundes Gewebe.

Man muss einmal von einer Anhöhe die Stadt betrachten. Wie dicht, abwechslungsreich und harmonisch die Altstadt erscheint, nicht zuletzt auch als grosse Form im Stadtgefüge. Daneben muss man sich die Materialisierungen und die Einordnung gewisser Überbauungen ansehen: Das kalte Grausen befällt einem ob der Einfallslosigkeit und der Tristesse des Entstandenen. Sinnlos eins neben das andere gedrückt, meist in weiss oder grau gehaltenen, turmartigen Einzelbauten auf unterschiedlich grossen Parzellen, die nichts als die Grösse des vorhandenen Portemonnaies widerspiegeln.

Hier siegte die Rendite über architektonische Qualität. Wo das grosse Geld lockt, besteht kaum Sinn für Baukultur, die Verfilzung von Grundeigentümern und der Classe politique trägt das Ihre dazu bei, dass sich wenig ändert.

Nicht zuletzt sind diese Ergebnisse auch der Laisser-faire-Politik des Stadtrates zu verdanken. Es gab sie schon, die Leute in der Abteilung Städtebau oder in der Stadtbildkommission, welche dieser Entwicklung Einhalt oder eine andere Richtung geben wollten. Aber wer sich zu weit vorwagte und die Bedenken laut und deutlich äusserte, wurde ruhiggestellt oder – wie vor einigen Jahren im Fall des Präsidenten der Stadtbildkommission – von einem Tag auf den anderen abserviert.

Mit dem vom Stadtrat im April 2019 herausgegebenen Buch «Stadtraumkonzept Zug 2050» schien sich ein Umdenken bezüglich Städtebau abzuzeichnen. Dieses beschreibt und illustriert viele allgemeine städtebauliche Grundsätze, die bestimmt auf einhellige Zustimmung stossen. Plätze zum Begehen statt blosser Kreuzungen, Strassen als Alleen ausgestaltet, kleinteilige Strukturen statt langweiliger Monolithen, dichtes Wegnetz, attraktive Grünräume, generell menschenfreundlichere Gestaltung. Wunderbar! Allerdings entspricht die in den letzten Jahren gebaute Realität viel häufiger den Skizzen mit Negativbeispielen als den Zielvorstellungen des Stadtrats. Leider scheint dies auch so weiterzugehen.

Ein Merkmal und gleichzeitig Problem von Zug ist, dass es immer wieder etwas neu angefangen, doch selten etwas zu Ende gebracht oder gross gemacht hat – denn zu verlockend war die nächste Gelegenheit. Schlimmer noch das rechtsbürgerliche Lager und allen voran die Föderation des Profiteurs der Stadt Zug, die im Schlepptau der potenten Projektentwickler stets gerne mithalfen, das Unmögliche möglich zu machen. Sie zeigen wenig Interesse an einer griffigen Regelung, welche den Städtebau überhaupt möglich macht. Sie wollen keine besseren Rahmenbedingung für den Städtebau, diese sind einzig den Investoren vorbehalten, so könnte man meinen.

Andere Städte leisten sich einen Stadtbaumeister mit ausreichend Kompetenzen, während wir uns mit einer Teilzeitstadtarchitektin ohne Mitarbeiterstab begnügen. Das sagt doch schon alles! Und solange der Stadtrat Wegschauen als städtebauliches Prinzip für richtig erachtet, wird sich die Zuger Stadtplanung weiterhin im Krisenmodus bewegen und sich unsere Stadt so schnell nicht zum Besseren entwickeln. Noch einmal: Weit haben wir es gebracht, nur nicht bei der Entwicklung unserer Stadt!

In der Kolumne «Standpunkt» äussern sich Mitglieder des Grossen Gemeinderats Zug zu frei gewählten Themen. Ihre Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.

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