Kolumne «Seitenblick»
In Neuheim alt aussehen

Unser Redaktor sinniert über eingebildete Tücken sowie Hütchenspieler auf Mallorca.

Raphael Biermayr
Raphael Biermayr
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Der Kanton Zug ist gnädig zu Hängengebliebenen. Nicht in jedem Bereich natürlich: «Nur Fortschritt bedeutet nicht Rückschritt!» oder so, heisst es in der Wirtschaft. Wenigstens ist er zu Menschen gnädig, die zu fortgeschrittener Stunde ihr Zeitgefühl überschätzen. Oder die sich – das entspricht der positiven Auslegung – dem Moment hingegeben haben, ohne die Konsequenzen zu bedenken.

Viele Distanzen auf dem Nachhauseweg sind zu Fuss überbrückbar, fast alle eigentlich – aber nicht alle ohne Gefahr. Wer zum Beispiel in Neuheim den letzten Bus verpasst hat und ins Tal will, der kommt ins Hadern.

Denn zu allen Seiten hin birgt ein Spaziergang im Dunkeln fantastisches Gefahrenpotenzial: Der Teufel, der es doch noch aus einem Moränenhügel schafft, Kühe, Abhänge, Murmel … okay, jetzt wird’s sogar in diesem Zustand abenteuerlich. Aber wenigstens drohen Maulwurflöcher, und sogar der Nachtbus, der leider nur in die falsche, also in die entgegenkommende Richtung fährt.

Wer sich diesen Abenteuern nicht aussetzen und nicht viel Geld ausgeben will, dem bleibt wenig Hoffnung. Denn auch ein langer Seitenblick auf die sogenannte Hauptstrasse im Dorf verrät, dass sich hier eine kostenlose Mitfahrgelegenheit so schnell nicht bieten wird.

Bis zur Tobelbrücke oder dem Lättich-Kreisel zu gehen, um eine zu finden? Da ist der Gedanke, dass einen ein (vielleicht) entgegenfahrendes Auto erfassen könnte, sympathischer, so im übertragenen Sinne.

Alles Abwägen führt nur zu einer Lösung. Das Taxi bietet die letzte Option. Nie war die Strecke länger, und schon gar nicht waren zehn Minuten teurer. So denkt man – bis die Hütchenspieler auf Mallorca an die Erinnerungspforte hämmern. Die Frage, wer für seine Arbeit den angemesseneren Lohn erhält? Verbietet sich natürlich.