Kantonsschule Menzingen
Gespräch über Sexualität und dessen Folgen werden nun politisch

Die Beendigung des Anstellungsverhältnisses einer Lehrerin an der Kantonsschule ruft nun die Politik auf den Plan. Die Kantonsratsfraktionen von ALG und SP stellen in einer gemeinsamen Interpellation Fragen.

Harry Ziegler
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«Die Alternative – die Grünen und die SP sind besorgt und empört über die Beendigung eines Anstellungsverhältnisses einer Lehrerin an der Kantonsschule Menzingen, zu welchem es in Folge einer Lektion zum Thema Sexualität kam», schreiben die Fraktionen in der gemeinsamen Interpellation einleitend. Die Interpellation der Fraktionen befasst sich weniger mit Details, die zur Trennung der Kanti Menzingen von der betroffenen Lehrperson führten. Sie befasst sich mit Fragen zur Erfüllung des Auftrags, wonach die Kantonsschule Menzingen Werte wie Bildungsqualität, Verantwortung und Teamfähigkeit oder auch kritisches Denken der Schülerinnen und Schüler, aber auch der Lehrpersonen fördern und fordern soll. Diese Werte hat die neue Rektorin bei ihrer Einstellung entsprechend gelobt.

«Nun ist der Lehrauftrag mit einer Lehrerin, die anscheinend genau das gemacht hat, nicht verlängert worden», so die Fraktionen. Sie stellen dem Regierungsrat deshalb entsprechende Fragen:

  • Das überfachliche Ziel der Maturität ist die allgemeine, vertiefte Gesellschaftsreife. Diese kann nur erreicht werden, wenn Lehrpersonen den Schülerinnen und Schülern die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen, kritisches Denken fördern und fordern, auch in aktuellen Themenbereichen. Teilt der Regierungsrat diese Meinung?
  • Teilt die Regierung die Ansicht, dass es in einem geschützten Rahmen und bei einem guten Vertrauensverhältnis nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert sein soll, dass Lehrpersonen speziell auch an einer Kantonsschule mit ihren Schülerinnen und Schülern gesellschaftspolitisch heikle Fragen diskutieren können?
  • Sind die Leitideen an der KSM in den letzten zwei Jahren überarbeitet und/oder neu interpretiert worden? Wenn ja: Wurde dies von der Bildungsdirektion in Auftrag gegeben oder mit ihr abgesprochen? Wenn ja: Aus welchen Beweggründen?
  • Gemäss Zeitungsrecherchen wurde die Lektion nicht etwa von den Schülerinnen bei der Schulleitung gemeldet, sondern von einer anderen Lehrperson. Die Schulleitung hat anschliessend nicht das Gespräch mit den betroffenen Schülerinnen gesucht, sondern den Vertrag mit der Lehrerin auslaufen lassen und dieser zudem einen Maulkorb verpasst: Die Lehrerin durfte ihre Schülerinnen nicht darüber informieren, wieso es zur Trennung gekommen war.
  • Gibt es kantonale Richtlinien, unter welchen Bedingungen einer Person ein Maulkorb verpasst werden kann? Wenn ja: Wo sind diese zu finden und welche sind es? Wenn nein: Unter welchen Umständen ist ein Maulkorb berechtigt? Erachtet es der Regierungsrat als berechtigt, dass in diesem Fall der Lehrerin ein Maulkorb verpasst worden war? Inwiefern?
  • Denunziantentum versus Whistleblowing: Es ist nicht immer klar, wann Bedenken weitergeleitet werden sollen. Ist es aus Sicht der Regierung vertretbar, dass sich die Schulleitung auf die Bedenken einer Drittperson (der «denunzierenden» Lehrperson) und allfälligen eigenen Bedenken von einer Lehrkraft trennt, bevor die Schulleitung nicht auch die Sicht der betroffenen Schülerinnen eingeholt hat? Gibt es generell kantonale Richtlinien, wie Führungspersonen in einer entsprechenden Situation vorzugehen haben?

Betroffene Schülerinnen sind anderer Meinung als Schulleitung

In der Doppellektion, an der nur Schülerinnen und die Lehrerin teilgenommen hatten, sei es um weibliche Sexualität, Selbstbefriedigung, die Vorstellungen von einer Beziehung sowie Selbstachtung gegangen. Ein Unbehagen, das die Schulleitung laut eigenen Angaben anscheinend gehabt habe, bezüglich Nähe und Distanz in dieser Lektion sei laut Stellungnahme von den betroffenen Schülerinnen nicht im Geringsten geteilt worden.

In der Interpellation werden dazu weitere Fragen gestellt. Unter anderen, ob der Bildungsdirektion ein ähnlicher Fall bekannt ist, bei dem es ohne «negative Rückmeldungen seitens der direkt Betroffenen zu einer Beendigung eines Arbeitsverhältnisses gekommen» sei. Weiter soll sich die Bildungsdirektion zur Frage äussern, ob eine Beendigung eines Arbeitsverhältnisses vorstellbar gewesen wäre, auch wenn es nicht um Sexualität gegangen wäre. Oder: «Inwiefern widerspricht eine solche Situation nicht der allgemeinen Lehrfreiheit einer Lehrperson, insbesondere in Anbetracht dessen, dass Sexualkunde integraler Bestandteil jedes gymnasialen Bildungsganges ist, wie dies auch der Bildungsdirektor in seiner Stellungnahme in der ‹Zuger Zeitung› verlauten lässt?»

Eine Beurteilung seitens des Regierungsrats verlangen die Fraktionen bezüglich der «Trennung von der Lehrperson in einem erweiterten Kontext, die anscheinend aufgrund altmodisch anmutender Ansichten ausgesprochen wurden». Weiter wird Auskunft verlangt über allfällige Anlaufstellen für Betroffene oder welchen Stellenwert das Thema Sexualität, die Förderung der Selbstachtung von jungen Frauen und generell das Ernstnehmen von jungen Frauen für den Regierungsrat habe.