Gesellschaft
«Ich schäme mich, weil ich schlecht höre» – Pro Audito Zug hat ein offenes Ohr für Schwerhörige

Seit 1925 unterstützt der Verein Menschen mit Hörproblemen im Alltag und bietet Kurse wie Lippenlesen an. Am 22. Oktober wird es einen Herbstanlass geben, an dem über Schwerhörigkeit aufgeklärt wird.

Nora Baumgartner
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Präsidentin Frieda Waldispühl Zindel trägt selber Hörgeräte.

Präsidentin Frieda Waldispühl Zindel trägt selber Hörgeräte.

Bild: Matthias Jurt
(Zug, 03. Oktober 2022)

Freunde kommen zu Besuch, fragen einen, wie es geht, aber erst nach einem Schultertippen reagiert man darauf. Ähnlich geht es den Leuten, die noch nicht realisiert haben, dass ihr Hörvermögen schlechter wurde. «Es ist wie, wenn die Welt um einen immer leiser wird und irgendwann verstummt», sagt Frieda Waldispühl Zindel. Die 62-jährige gelernte Pflegefachfrau und Care-Managerin ist Präsidentin von Pro Audito Zug.

Unter Gleichgestellten sich besser fühlen

Der Verein, der 1925 gegründet wurde, verfolgt das Ziel, schwerhörigen Menschen jeden Alters mehr Lebensqualität und Freude zu verschaffen. Er bietet Kurse mit diplomierten Audioagoginnen an. Dazu gehört der Erfahrungsaustausch in der Gruppe und Hörtraining mit Lippenlesen. «Man fühlt sich besser, wenn man unter Gleichgestellten ist», so Waldispühl Zindel, die zwei pinke Hörgeräte trägt.

«Wir haben in einem Kurs einen 91-jährigen Mann, der das Lippenlesen auf seinem Handy regelmässig übt»,

erzählt die Präsidentin. Ebenfalls Ausflüge dürfen nicht zu kurz kommen, wie kürzlich zu den Giessbachfällen. Pro Audito Zug setzt sich in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen für mehr induktive und funktionierende Höranlagen in öffentlichen Gebäuden ein, mit Hilfe derer die Verständlichkeit von gesprochener Sprache und Musik maximiert wird. Erkennbar sind diese Anlagen am Logo mit einem weissen Ohr auf blauem Hintergrund.

Frühzeitig mit ins Boot holen

Der Verein ist zusammen mit 25 regionalen Vereinen dem Dachverband Pro Audito Schweiz angeschlossen. Er hat rund 120 Mitglieder, darunter auch guthörende Personen. Die meisten seien zwischen 70 und 80 Jahre alt. Der Wunsch sei da, 60-jährige und jüngere Personen dazuzugewinnen.

Frieda Waldispühl Zindel wünscht sich, dass mehr über Schwerhörigkeit gesprochen wird.

Frieda Waldispühl Zindel wünscht sich, dass mehr über Schwerhörigkeit gesprochen wird.

Bild: Matthias Jurt
(Zug, 03. Oktober 2022)

Neben den bereits erwähnten Angeboten von Pro Audito Zug zählen ebenfalls Beratungen, Kaffee-Treffs und Vorträge dazu. Am Samstag, 22. Oktober, lädt der Verein zum kostenlosen Herbstanlass mit Referat zum Thema «Schwerhörig. Ich doch nicht?!» ein.

«Wir wollen Menschen frühzeitig ins Boot holen, die sich unsicher fühlen, ob sie auch dieser Gruppe angehören»,

so Waldispühl Zindel. Sie habe schon oft mitbekommen, dass Personen sich für die eigene Schwerhörigkeit schämen. Jede und jeder habe einen unterschiedlichen Umgang damit.

Herbstanlass

Am Samstag, 22. Oktober, findet im Pfarreiheim St.Martin in Baar eine kostenlose Veranstaltung von Pro Audito Zug über das Thema «Schwerhörig. Ich doch nicht?!» statt. Von 9.30 bis 11.30 Uhr wird die Referentin Alexandra Meier, Neuro-Hörtherapeutin, ihren Wissens- und Erfahrungsschatz teilen. Unter anderem werden der Unterschied zwischen Horchen und Hören sowie gesundheitliche Probleme in Zusammenhang mit dem Ohr erläutert. Weitere Informationen zum Anlass und zu Pro Audito Zug finden Sie unter www.pro-audito-zug.ch.

Hörtests machen, wenn man nicht mehr gut hört

Die 62-Jährige trägt seit acht Jahren selber Hörgeräte und spricht offen darüber. Sie habe, als sie gemerkt habe, dass sie nicht mehr gut höre, sogleich einen Hörtest gemacht und kann dies nur weiterempfehlen. «Wenn man merkt, dass die Sätze keinen Sinn mehr ergeben, würde ich einen Test machen.» Ihrem Mann seien die Tränen die Wangen heruntergekullert, als er dank Hörgeräten seine Enkelinnen und Enkel wieder verstanden habe.

Seit 2021 präsidiert sie Pro Audito Zug und war zuvor drei Jahre selbst Mitglied. Eine der wichtigsten Aufgaben seien die Kontrolle und das Einsetzen weiterer induktiver Höranlagen. Frieda Waldispühl Zindel blickt nach vorne Richtung 100-jähriges Jubiläum und wünscht sich bis anhin, dass mehr über Schwerhörigkeit gesprochen wird: «Wir möchten guthörende Menschen sensibilisieren.»

Guthörenden gibt sie folgende Tipps im Umgang mit Menschen mit Hörproblemen:

  • Blickkontakt aufnehmen und halten.
  • Falls die- oder derjenige etwas nicht verstanden hat, den Faden nochmals aufnehmen.
  • Bei einem Treffen Ort genau überlegen: Wo fühlt sie oder er sich am wohlsten? Gibt es dort eine ruhige Geräuschkulisse?
  • Ab 40 Jahren empfiehlt sich, ein Hörtest bei einem guten Akustiker zu machen, um zu wissen, wo man selber steht.