Frauenstreik
Eine kleine violette Welle wogt durch die Stadt Zug

Am Tag des nationalen Frauenstreiks gingen auch im Kantonshauptort Demonstrierende für Gleichstellung auf die Strasse. Rund 200 Personen nahmen teil.

Laura Sibold
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Diese Teilnehmerin steht auch für die Mütter ein.

Diese Teilnehmerin steht auch für die Mütter ein.

Bild: Stefan Kaiser (14. Juni 2022)

Frauen sind Männern gleichgestellt – zumindest auf dem Papier. Seit 1991 ist in der Bundesverfassung festgeschrieben, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Die Realität sieht in vielen Lebensbereichen anders aus. In Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Öffentlichkeit sind Frauen noch immer nicht gleich vertreten und besetzen deutlich weniger einflussreiche Positionen als Männer, wie die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF) schreibt.

Grund genug für viele, wieder auf die Strasse zu gehen und am Tag des nationalen Frauenstreiks für ihre Rechte einzustehen. Unter dem Motto «Für einen feministischen Kanton Zug» zogen am Dienstag rund 200 Personen mit violetten Fahnen und Ballons durch die Stadt.

Rund 200 Personen sind in Zug unterwegs.

Rund 200 Personen sind in Zug unterwegs.

Bild: Stefan Kaiser (14. Juni 2022)

«Endlich feministische Politik» steht auf einem Plakat, «Platz für Frauen» auf einem anderen. Der kleine Umzug durch die Zuger Strassen erregt Aufmerksamkeit, erntet an einer Ecke freudige Zustimmung, während an einer anderen ein Expat laut «What’s this?» ruft.

Höchste Zugerin nimmt Gemeinden in die Pflicht

Nach dem Protestmarsch werden auf dem Landsgemeindeplatz feministische Reden geschwungen, musikalisch untermalt von den Sängerinnen Quinne und Petowner.

Kantonsratspräsidentin Esther Haas (ALG) hält eine Rede.

Kantonsratspräsidentin Esther Haas (ALG) hält eine Rede.

Bild: Stefan Kaiser (14. Juni 2022)

Die Kantonsratspräsidentin Esther Haas (ALG) aus Cham sagt:

«Es hat einen langen Atem gebraucht, bis die Männer den Frauen politische Rechte zugestanden haben. Vieles ist erreicht in der Gleichstellung der Geschlechter, aber es bleiben ungelöste Fragen.»

Sie nennt sexuelle Belästigung, Gewalt und die fehlende Anerkennung von unbezahlter Care-Arbeit als Beispiele. «Spätestens mit der Familienplanung enden viele aussichtsreiche Karrieren von Frauen. Das darf nicht sein. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss endlich als gesamtgesellschaftliches Thema angegangen werden – auch in den Zuger Gemeinden», fordert die höchste Zugerin und Mutter von vier Kindern.

Auf dem Landsgemeindeplatz tritt die Sängerin Quinne auf.

Auf dem Landsgemeindeplatz tritt die Sängerin Quinne auf.

Bild: Stefan Kaiser (14. Juni 2022)

14. Juni kommt nicht von ungefähr

Dass der Frauenstreik im Juni stattfindet, ist kein Zufall: Der erste nationale Frauenstreik am 14. Juni 1991 fand exakt zehn Jahre nach der Abstimmung statt, in der das Volk der Aufnahme des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung zugestimmt hatte. Viele Anliegen der damaligen Demonstrantinnen sind jedoch dieselben wie heute.

Das verdeutlichen die Voten in Zug. «Frauen verdienen fast 20 Prozent weniger als Männer, erledigen über zwei Drittel der Care-Arbeit und erhalten im Schnitt 40 Prozent weniger Rente. Das muss sich ändern», verlangt Julia Küng, Co-Präsidentin der Jungen Grünen Schweiz.

Politikerinnen fordern «feministische Zukunft»

«Yes means yes and no means no, wherever we go», rufen die Demonstrierenden mit erhobener Faust und beziehen sich auf die Verschärfung des Sexualstrafrechts, die der Ständerat kürzlich gutgeheissen hat. «Unser Sexualstrafrecht stammt aus einer Zeit, in dem die Vorstellung herrschte, Sexualität moralisch regulieren zu müssen», moniert SP-Kantonsrätin Virginia Köpfli. Die Revision sei angezeigt, denn: «Im Alltag spazieren wir auch nicht einfach in eine Wohnung, sondern warten, bis man uns hereinbittet. Warum sollte es anders sein bei etwas derart Intimem wie der Sexualität?»

Die Hünenberger Kantonsrätin Virginia Köpfli ergreift das Wort.

Die Hünenberger Kantonsrätin Virginia Köpfli ergreift das Wort.

Bild: Stefan Kaiser (14. Juni 2022)

Die Hünenbergerin führt zudem Erfolge und Baustellen der Zuger Feminismus-Bewegung ins Feld. So wurde vor drei Jahren mit ALG-Nationalrätin Manuela Weichelt erstmals eine Zugerin nach Bern gewählt.

Auf der anderen Seite haben gleichstellungspolitische Vorstösse im Kantonsrat einen schweren Stand. Julia Küng gibt sich dennoch kampflustig:

«Ich bin wütend, traurig und müde. Doch wir kämpfen weiter für eine feministische Zukunft und absolute Gleichstellung.»

Dafür erntet die Jungpolitikerin aus Zug Applaus.