Leserbrief
Fratelli tutti, eine politische Enzyklika

Zur Enzyklika von Papst Franzikus

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Wenn schon die öffentlichen Medien keine Kenntnis nehmen vom jüngsten Lehrschreiben des Papstes, soll hiermit wenigstens ein Leserbrief solches versuchen. Nein, keine Rezension dieses wortgewaltigen Werkes, aber eine ganz kleine Kritik eines von direkter Demokratie formierten Schweizers soll es schon sein. Dies bevor Linke diese zu missbrauchen beginnen und politisch ambitionierte Kleriker darin eine Aufforderung sehen, im Ergreifen von Referenden und Initiativen voranzugehen und den Beichtspiegel zu ergänzen.

Etwas spät zwar diese Warnung, wenn man das katholische Medienportal der Schweiz «kath.ch» liest. Darin meint der Chefredaktor Raphael Rauch – ein von repräsentativer Demokratie geprägter Deutscher – Rechte würden an dieser Enzyklika keine Freude haben. Dass eine solche Bemerkung auf die Perspektive des Autors und seines Mediums schliessen lässt, ist das eine, kaum Fingerspitzengefühl in der Schweiz, das andere. Wenn dann aber noch die Schlussfolgerung angehängt wird, diese Enzyklika sei Aufforderung an die Ortskirchen politisch aktiv zu werden, verschlägt es einem subsidiär formierten Schweizer, der das Nebeneinander von Kirche und Staat schätzen gelernt hat, schon etwas den Atem. Für einen solchen ist es bemühend, mit ansehen zu müssen, wie die Kirche ihre Schäfchen je länger je weniger erreicht und nun glaubt, auf dem politischen Parkett solches Versagen kompensieren zu müssen.

Wer sich die Mühe macht, dieses gewaltige Werk zu lesen, findet wenig Neues und er sucht vergebens nach konkreten, als realistisch zu bezeichnenden politischen Rezepten, wie den existierenden Ungerechtigkeiten dieser Welt zu begegnen wäre. Ausser natürlich der gängigen Forderung nach Umverteilung und Selbstkasteiung, durch Schaffung von Korridoren und Rechten für Migrationswillige. Dass die Bibel, insbesondere das Neue Testament – eine Botschaft an, und Handbuch für die Formation des Einzelnen ist, scheint dieses Lehrschreiben zu übersehen – schade, es verbreitet einen Hauch von Bankrotterklärung in der Kernaufgabe.

Hans Arnold-Bürgi, Rotkreuz