Kolumne
Meine Fasnacht: Von Schnaps und Sonnenbrillen

Heute ist Güdelmontag. Das war er vor zehn Jahren auch schon. Unser Autor erinnert sich: Herrgott, wir werden alt.

Kilian Küttel
Kilian Küttel
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Ich ging als Johnny Cash. Um ehrlich zu sein: Ich hatte einen Vorwand gebraucht, an der Fasnacht einen Anzug mit schwarzem Hemd zu tragen. Das war für mich damals so etwas wie der Rolls Royce der Herrenmode (und ist es heute noch). Die Herzen hatte man mir zwar gegen meinen Willen auf die Wangen geschminkt, aber die orange Sonnenbrille war mein Ernst.

Was wollen Sie hören? Es waren andere Zeiten: Ein lateinamerikanischer Luca Hänni haute einem seit Wochen sein «Ai Se Eu Te Pego» so erfolgreich um die Ohren, dass sich langsam Zweifel aufdrängten, ob der Markt diese Anomalie genug schnell wegkorrigieren würde, um unsereins vor körperlichen Schäden zu bewahren. Derweil waren grelle Plastikbrillen zwar auf dem absteigenden Ast, aber immer noch halbwegs gut gelittenes Accessoire im Nachtleben.

Und ich – 18 Jahre alt – steckte in dieser Mittelwelt zwischen Pubertät und Erwachsenwerden; in einer Phase, in der man den roten Wodka zwar hinter sich gelassen haben wollte, aber beim grünen nach wie vor schwach wurde. Und ihn erst recht genoss, weil man sich jetzt auch zwei, drei Drinks leisten konnte.

So sassen wir im Bus an den Güdelmontag, in der erklärten Absicht, einen Teil des Praktikantenlohns wieder unter die Leute zu bringen, als es mir siedend heiss durch die Hirnwindungen schoss: Hatte ich für den nächsten Tag überhaupt freigenommen? Denn schon damals hatte ich gewisse Defizite in Sachen Organisation, von denen ich an ähnlicher Stelle auch schon berichtete.

Jedenfalls galt es, vor der Fasnachtschilbi abzuklären, ob sie für mich stattfinden würde. Was bedeutete, dass ich – seit sechs Wochen Praktikant – angezündet wie eine Gartenfackel ins Büro stakste, nur um vor dem Dienstplan der Erkenntnis mächtig zu werden, dass ich sogar auch noch am Mittwoch frei hatte.

Der Auftritt blieb nicht unbemerkt, sondern dem Abschlussredaktor in so erfreulicher Erinnerung, dass er mich auch Jahre danach noch darauf ansprach. Heute würde mir das nicht mehr passieren. Ein wenig erwachsen geworden ist man dann doch. Orange Sonnenbrillen kommen mir seit langem nicht mehr nahe. Und grüner Wodka schon gar nicht.