Das neue «Tugium» ist erschienen: Die Aussensicht schärft den Blick

Der Berner Historiker Daniel Schläppi wagt sich an die Geschichte des Zuger Kantonsrats. Das Ergebnis lässt sich gut lesen.

Marco Morosoli
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Beat Dittli praesentiert seinem Redaktionsteam das neue Buch Tugium. Im Bild von links: Jochen Reinhard,Renato Morosoli, Beat Dittli, Renata Huber.

Beat Dittli praesentiert seinem Redaktionsteam das neue Buch Tugium. Im Bild von links: Jochen Reinhard,Renato Morosoli, Beat Dittli, Renata Huber.

Bild: Christian H. Hildebrand ((Zug, 20. Oktober 2020)

Zuger Geschichte gut und spannend verpackt – das ist das Ziel der Redaktionskommission des «Tugium». Die 36. Ausgabe des roten Buches ist kürzlich – wegen der Coronapandemie – im Stillen erschienen. Herausgeber ist der Zuger Regierungsrat. Ihm sei die Lektüre von «Mehrheiten, Minderheiten, Menschen – politische Kultur, demokratische Teilhabe und Politikertypen in der Geschichte des Zuger Kantonsrats (1848–2020)» wärmstens empfohlen. Autor der Studie ist der Berner Historiker und Musiker Daniel Schläppi (52).

Die so entstandene Aussensicht des Zuger Kantonsrats ist das Resultat eines im Vorjahr erstmals vom Staatsarchiv gewährten Forschungskredits. Schläppi ist im Kanton Zug kein Unbekannter, hat er doch bei der Aufarbeitung der Zuger Stadtratsprotokollen mitgeholfen. Auf 20 Seiten fasst der Historiker die 180 Jahre Zuger Kantonsrat mit grosser Detailtreue zusammen.

Der Autor ist ohne Beisshemmung

Seine Herkunft half ihm sicher dabei, die Beisshemmung abzulegen, die lokal verankerten Autoren oft vorgeworfen wird. Daniel Schläppi setzt gleich den Vorschlaghammer an: «Das grosse Reinemachen nach der Sonderbundszeit und die Vorgänge rund um die Gründung des modernen Zuger Staatswesens hatten durchaus revolutionären Charakter.» Um gleich im nächsten Satz relativierend einzugreifen: «Dennoch überdauerten in der neuen Ordnung und ihren Institutionen alte Traditionen, Denkweisen und Praktiken.» Daraus zieht Schläppi den Schluss, dass ein «neues Parlament noch keine neue Gesellschaft mache».

Letztere scheint aber wie so oft, dem Ausgleich zustreben. Obwohl die Liberalen im ersten Zuger Kantonsrat die Mehrheit stellten und ihre Wortführer für die Sonderbundführer eine strenge Bestrafung forderten, setzten sich diejenigen Parlamentarier durch, welche einer vollständigen Amnestie das Wort redeten.

Päckli-Politik gab es schon damals

So zeigt der Historiker Daniel Schläppi, dass die Päckli-Politik über Parteigrenzen hinaus keineswegs eine Erfindung neueren Datums ist. Schon im 19.Jahrhundert sei im Zuger Kantonsparlament wenig über Ideologie gestritten worden. Vielmehr hätten Liberale und Konservative «sich gegenseitig in Gemeinde-, Kantons- und Bundesämter gewählt». Es gab auch Wahlabsprachen und sogar eine Koalition von 1856–1869.

In der Geschichte über den Zuger Kantonsrat findet sich auch allerlei skurriles. So hat die Kantonsverfassung von 1876 verfügt, dass das Stimmrecht denen zu entziehen ist, denen der Besuch eines Wirtshauses gerichtlich verboten wurde. In der Zuger Kantonsverfassung von 1894 fehlte dann zwar der «Beizenparagraf», jedoch blieb der Passus in diesem Werk bestehen, dass nicht mehr wählen durfte, wer die Steuern nicht bezahlt hatte. Die Verfassung von 1894 ist im Kanton Zug immer noch in Kraft, der obige Passus ist erst 1946 abgeschafft worden.

Interessant ist auch die Passage, in der sich Daniel Schläppi mit den Parteien neben den Konservativen und der Liberalen befasst. Die SP habe mehr als ein Jahrhundert gebraucht, um in mehr als fünf Gemeinden Kantonsratsmandate zu bekommen. Die SVP hingegen, die «neokonservative Alternative zu CVP und FDP» in einem Viertel der Zeit. 1994 zog die Partei erstmals ins Kantonsparlament ein. 2018 knackte sie auch noch Neuheim. Damit schaffte die SVP das Kunststück aus allen Zuger Gemeinden mindestens einmal einen Kantonsrat ins Regierungsgebäude zu delegieren.

Die Geschichte über den Zuger Kantonsrat liesse sich noch mit vielen weiteren Facetten beleuchten. Die 1322 Kantonsräte, welche seit 1848 in dieses Gremium Einsitz nahmen, sind ein beinahe unerschöpflicher Quell von neuen Geschichten. Immerhin scheint mit dem Essay von Daniel Schläppi nun ein Kapital vorzuliegen, das perfekt in eine Geschichte des Kantons Zug passen würde. Dieses Projekt war schon in einer Pipeline. Wegen der schlechten Finanzlage des Kantons legten es die Verantwortlichen wieder auf Eis. Geld ist jetzt wieder genügend da.

Mysteriös: Steinberge unter Wasser

(mo) Die Welt unter dem Wasser der Ozeane ist selbst heute noch weitgehend unerforscht. Das trifft auch auf diejenige unserer Süsswasserseen zu. Der Zugersee macht da keine Ausnahme. Wie aus einem Bericht in der neuen Ausgabe des «Tugium» hervorgeht, basierten Unterwasserkarten noch bis vor fünf Jahren auf Lotmessungen, welche Ende des 19. Jahrhunderts gemacht wurden. Was die Unterwasser-Archäologen im Zugersee derzeit umtreibt, sind Steinberge. Eine Häufung solcher Phänomene findet sich in der Chamer Bucht. Laut Jochen Reinhard vom Zuger Amt für Denkmalpflege und Archäologie sind Taucher bisher auf acht Steinberge im Zugersee gestossen. Das Alter der gefundenen Strukturen ist derzeit noch unklar. Reinhard nennt eine mögliche Zeitspanne ihrer Entstehung von 4000 Jahre vor Christus bis 1898. Das Letztere ist deshalb so genau, weil im Jahre 1898 ein solcher Steinberg erstmals beschrieben worden ist. Vergleichbare Steinansammlungen sind auch aus dem Bodensee zwischen Romanshorn und Bottigkofen bekannt. Was allerdings immer noch im Dunkeln liegt, ist eine eindeutige Interpretation des Zwecks dieser Steinberge. Jochen Reinhard setzt seine Detektivarbeit fort. Seinen Job umschreibt er so: «Die Antworten auf unsere Forschungsfragen finden sich nicht in Büchern, der Boden erzählt die Geschichte.»

Im aktuellen Tugium sind weitere Geschichten mit Zuger Bezug zu lesen. Unter anderem über das Wachsen der Metallwarenfabrik Zug, eine Nachlese zum Landesstreik von 1918 im Kanton Zug und über weitere archäologische Themen.

Hinweis: Das Tugium kostet im Verkauf 25 Franken und kann in Zuger Buchhandlungen bezogen werden.

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