Buchvorstellung
Ein Zuger Autor auf den Spuren eines grossen Herrschers

Der Roman von Heinz Greter handelt von der unglaublichen Wandlung des indischen Königs Ashoka.

Monika Wegmann
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Fasziniert von König Ashoka: der Zuger Kunsthistoriker und Buchautor Heinz Greter.

Fasziniert von König Ashoka: der Zuger Kunsthistoriker und Buchautor Heinz Greter.

Bild: Matthias Jurt (Zug, 5. Dezember 2020)

Die Geschichte mit Familienfehden bis zum Mord, von Liebe, Krieg und Lebenskrise könnte aus einem Bollywood-Film stammen. Aber sie handelt vom grossen König Ashoka, Herrscher der indischen Dynastie der Maurya, der vor rund 2300 Jahren im Kernland des frühen Buddhismus lebte. Nach grausamen Jahren führte ein traumatisches Ereignis dazu, dass er sein Leben grundlegend änderte.

Im Westen kennen wir Alexander den Grossen, der kurz vor seinem Tag noch bis Indien kam. Aber von Ashoka (304–232 v. Chr.), der nur wenige Jahre später dort lebte, ist im Westen kaum etwas bekannt. Doch der Zuger Autor und Kunsthistoriker Heinz Greter ist schon vor über 30 Jahren auf seinen Reisen nach Indien, an welche in seiner Wohnung viele östliche Wandbilder erinnern, auf Ashoka gestossen: «Durch den Buddhismus. Es gibt in Asien eine Ashoka-Hotelkette. Aber ich wusste schon damals, wer er war, denn in Asien ist er noch immer berühmt.» Nach seinen Büchern über den Buddhismus und den chinesischen Mönch Xuanzang hat Heinz Greter, der auch öfters meditiert, nun nach jahrelanger Recherche den philosophischen Roman Ashoka verfasst. Dank Heinz Greter wird die historische Figur nun auch für den Westen lebendig und fassbar.

Seelisches Trauma als Chance

Wie der spannende Roman aufzeigt, war Ashoka einer der Enkel von Chandragupta Maurya, der das erste Grossreich auf dem indischen Subkontinent aufgebaut hat, mitsamt einer effizienten Verwaltung. In jungen Jahren muss Ashoka um den Thron kämpfen und schreckt sogar vor Mord nicht zurück. Um sein Reich zu vergrössern, erobert er mit äusserster Härte und strategischer Kriegsführung einige umliegende Gebiete, zuletzt das benachbarte Kalinga im Osten Indiens. Doch die Gräuel dieses Krieges, den er an vorderster Front auf dem Schlachtfeld miterlebt, lösen bei ihm ein traumatisches Entsetzen aus, die Folge ist eine schwere psychische Krise. Dies führt bei ihm zu seinem radikalen Umdenken.

Er holt sich geistigen Rat bei einem Mönch und beginnt zu meditieren, was – wie Heinz Greter weiss – in Indien damals schon eine alte Tradition war. Obwohl Brahmane, vertieft er sich in die Lehren des Buddha Gautama, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte, und damals viele Anhänger hatte. Buddha trat gegen das Leid in der Welt an und verurteilte das Kastenwesen, denn für ihn waren alle Menschen gleich. Ashoka tritt dem Buddhismus bei und bestimmt in der Folge die absolute Gewaltlosigkeit zur Grundlage seiner Reichspolitik. Zudem lanciert er eine allgemein verbindliche «kosmische» Ethik und erlässt über ein Dutzend Edikte. Darin ermahnt er seine Untertanen, auf Gewaltanwendung zu verzichten und er verbietet – trotz Widerständen – die blutigen Tieropfer. Die Verknüpfung von ethisch-moralischen Ansätzen in seiner Politik ist in der indischen Antike damals einzigartig: Sie sichert dem grossen Reich viele Jahre des Friedens. Heinz Greter zeichnet Ashoka als zwiespältige wie auch faszinierende Person. Er verbietet fortan die Kriegsführung und setzt sich für Friedensförderung und soziale Wohlfahrt ein.

Toleranz gegenüber anderen Religionen

Der philosophische Roman über Ashoka ist mit kulturellen Bräuchen, Lebensweisheiten, Bildern, sowie historischen Daten und Literaturhinweisen verknüpft. So kann sich der Leser, der noch nie in Indien war, ein gutes Bild vom indischen Protagonisten und von der uns wenig bekannten Kultur machen. «Es hat mich interessiert, was das für eine Person ist, die sich so abrupt vom vorher grausamen zu einem gewaltfreien Regenten verändern kann», sagt Heinz Greter (77). Als ausserordentlich wertet er zudem Ashokas grosse Toleranz gegenüber anderen Religionen, und dass er die vom Grossvater initiierte Staatspolitik mithilfe seines engsten Beraters und Freundes fortsetzt. Greter hat festgestellt, dass das viele hundert Seiten umfassende Lehrbuch der Verwaltung für die damalige Zeit sehr fortschrittlich formuliert ist.

Jeder wird sich bei der unterhaltenden Geschichte, in der neben der Staatsräson auch die Liebe eine Rolle spielt, fragen: Wie viel ist nun historisch belegt, und wie viel ist Fiktion? Heinz Greter schmunzelt und erklärt: «Fiktional ist alles, was belegt ist, wie die Stationen in seinem Leben, die Edikte auf den Felsen und Säulen oder die von Ashoka erfundenen grossen Stupas und sogar einzelne Gespräche. Solche Details habe ich ausgeschmückt.» Und vielen Orten, die im Buch beschrieben sind, hat der Zuger schon einen Besuch abgestattet. «Ich war sogar in dem kleinen Ort, wo Ashoka seine erste Frau kennen gelernt hat.»

Im Westen lange kaum bekannt

Wie Heinz Greter festgestellt hat, verzeichnete Ashokas Wirken auf den Westen keinen Einfluss. Doch für einige Herrscher Asiens sei er zum Vorbild geworden. «Heute lebt er noch in den Legenden weiter.» Es habe im Westen längere Zeit gebraucht, bis man etwas über die alte indische Geschichte wusste, denn die Berichte in den Veden sind in Sanskrit oder anderen Sprachen verfasst. Als es vor rund 200 Jahren gelungen sei, die alten Texte auf Felsen, Säulen oder in Höhlen zu entziffern, habe man die Texte der Edikte von König Ashoka endlich übersetzen können. Für den Roman ist es jedenfalls ein grosser Glücksfall, dass der Autor als Kunsthistoriker den Spuren seines faszinierenden Protagonisten in langjähriger intensiver Forschung gefolgt ist. Denn er weiss: Ashoka hat gelebt.

Heinz Greter, Ashoka, Zocher & Peter Verlag Zürich, 248 Seiten, ISBN 978-3-907159-22-4