Jugendgericht
Richterin zu Vorfall mit Molotowcocktail: «Nicht auszudenken, was hätte passieren können»

Zwei Jugendliche wollen einen Mann mit einem Molotowcocktail aus einem öffentlichen WC verscheuchen. Das ist versuchte Nötigung, sagt das Zuger Jugendgericht.

Kilian Küttel
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Es geht auf Mitternacht zu an diesem Januarabend 2021, der für zwei der drei Freunde in einer Untersuchung der Zuger Jugendanwaltschaft enden wird. Sie haben sich auf einem Friedhof im Kanton Zug getroffen, die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, die Jugendlichen wollen an die Wärme.

Zum Beispiel in die Damentoilette, doch die ist nicht frei. Statt sich einen anderen Ort zu suchen, schreien sie, die Polizei stehe vor dem WC. Wer auch immer drin sei, soll rauskommen. Doch der Mann, der die Toilette am späten Abend besetzt, bewegt sich nicht. Als nichts geschieht, holen zwei der drei Kollegen Toilettenpapier aus dem Herren-WC, stopfen es in eine Plastikflasche mit Desinfektionsmittel, die sie vor der Toilette gefunden haben. Einer steckt das Toilettenpapier an und wirft die Flasche in die Kabine. Aber die Flamme erlischt, der Cocktail zündet nicht.

Versuchte Nötigung, Sachbeschädigung, Drogendelikte

«Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn das Desinfektionsmittel tatsächlich Feuer gefangen hätte», sagt ein Jahr, zwei Monate und drei Wochen später Richterin Carole Ziegler zu einem schlaksigen jungen Mann, der sein blondes Haar hinten und an den Seiten geschoren trägt. Er sitzt ihr gegenüber, weil er als einer der beiden Jugendlichen mit den Molotowcocktail gebastelt hatte. Um ihn herum verteilen sich die Anwältin, die Eltern und die Freundin, die mitgekommen ist, um seelischen Beistand zu leisten.

Die Unterstützung wird er gebrauchen können. Er sei etwas nervös, sagte der 17-Jährige zu Beginn der Verhandlung, die am 14. März am Zuger Jugendgericht stattgefunden hat und zu der die Medien zugelassen waren. Vor dem Dreiergremium musste sich der Beschuldigte neben der Geschichte mit dem Molotowcocktail wegen Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und wegen mehrerer Drogendelikte verantworten. Alle Taten hat er eingestanden.

Keine Woche nach der Geschichte auf dem Friedhof steigt er mit Kollegen ins Clublokal eines Zuger Vereins ein. Dort verbrennen sie «diverse Gegenstände» in einer Feuerschale, steigen aufs Dach, wo sie vier Scheiben einschlagen. Der Sachschaden beträgt mehrere tausend Franken.

Jugendanwalt forderte Unterbringung

Das steht in der Anklage des Zuger Jugendanwalts, der sechs Monate Freiheitsentzug (eine Strafe, die in einer Einrichtung vollzogen werden muss, in der Jugendliche laut dem Jugendstrafgesetz «erzieherisch betreut und ins­besondere auf die soziale Eingliederung nach der Entlassung vorbereitet» werden) und gleichzeitig eine Unterbringung fordert. Im Jugendstrafrecht gehen Massnahmen den Strafen vor. Damit will der Staat Jugendliche in erster Linie in die Gesellschaft eingliedern und nicht primär das Unrecht ihrer Taten vergelten. Deshalb soll der 17-Jährige als Massnahme in dem Heim untergebracht werden, in dem er seit Juli lebt und von wo aus er zu seiner Lehrstelle pendelt, die er vor kurzem angetreten hat.

Obwohl es auch dort Zwischenfällen gegeben hat, sei das der richtige Rahmen, sagt der Jugendanwalt in seinem Plädoyer:

«Die Erfolge sind brüchig, aber sie lassen sich sehen. Der Beschuldigte ist auf dem richtigen Weg.»

Der 17-Jährige, der die Fragen des Gerichts mit tiefer Stimme beantwortet und etwa sagt, er wisse heute nicht, was ihn damals geritten habe, hat Erfahrung mit den Behörden. Zwischen 2018 und 2020ordneten diese wegen kleinerer Delikte dreimal gemeinnützige Arbeitseinsätze an. Und im Januar 2021, vier Tage vor dem Zwischenfall mit dem Molotowcocktail, wurde er unter anderem wegen Diebstahls in der Familie, mehrfacher Irreführung der Rechtspflege und Fälschen von Ausweisen zu einem bedingten Freiheitsentzug von drei Monaten verurteilt. Gleichzeitig verfügte der Jugendanwalt eine ambulante Behandlung und eine persönliche Betreuung durch eine Sozialarbeiterin. Diese sagte vor Gericht, der Beschuldigte entwickle sich gut. Heute stehe er an einem ganz anderen Punkt als im Januar 2021, als er die Taten beging.

Viele Umzüge in jungen Jahren

Gleich wie der Jugendanwalt beantragte die Verteidigung eine Unterbringung, forderte aber vier statt sechs Monate Freiheitsentzug. Die Anwältin argumentierte, bei einem Molotowcocktail werde in der Regel Benzin in eine Glasflasche gefüllt; das Gemisch entwickle seine Wirkung erst richtig, wenn das Glas zerspringt. Das Desinfektionsmittel sei erstens nicht genügend brennbar, zweitens sei die Flasche aus Plastik gewesen, habe also gar nicht bersten können. Deshalb liege ein untauglicher Versuch vor.

Den grössten Teil ihres Plädoyers verwendete die Anwältin darauf, die Lebensgeschichte ihres Mandanten wiederzugeben. Die Familie sei oft umgezogen; als einziger seiner Geschwister habe der Beschuldigte Mühe gehabt, Deutsch zu lernen. Er fühle sich in der Familie als Aussenseiter, begehe seine Taten nur, weil er sich Respekt verschaffen wolle:

«Mein Mandant ist ein anständiger, introvertierter Jugendlicher, der Anschluss und Anerkennung sucht. Erst langsam wird ihm klar, dass Anerkennung auf gegenseitigem Vertrauen basiert.»

Das dreiköpfige Jugendgericht sprach den Beschuldigten unter anderem wegen versuchter Nötigung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch schuldig. Es bestraft den 17-Jährigen mit 170 Tagen Freiheitsentzug, ordnet gleichzeitig eine Unterbringung an, die der Strafe wie gesagt vorgeht. Hinzu kommen 300 Franken Busse und rund 3500 Franken Schadenersatz für die Schäden am Klubhaus.

In der Urteilsbegründung sagte Carole Ziegler, auch der Molotowcocktail in der Plastikflasche sei geeignet gewesen, den Mann in der Toilette zu verängstigen, weshalb der Vorfall den Tatbestand der versuchten Nötigung erfülle. Daneben sprach das Gericht den Jugendlichen unter anderem wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch schuldig.