St. Gallen Symposium
Die «deutsche Greta» fordert den Mercedes-Chef zum Handeln auf: «Ich will Taten sehen, keine schönen Worte!»

Daimler-CEO Ola Källenius hat am St. Gallen Symposium ein grosses Versprechen gemacht. «Mercedes will bis 2039 CO2-neutral sein. Aber ich bin ziemlich sicher, wir erreichen dieses Ziel schon vorher.» Luisa Neubauer, die «deutsche Greta», bleibt skeptisch.

Jürg Ackermann
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Klimaaktivistin Luisa Neubauer (unten links) diskutiert mit Mercedes-Chef Ola Källenius (oben rechts) über Nachhaltigkeit - unter der Leitung von CNN-Moderatorin Nina dos Santos.

Klimaaktivistin Luisa Neubauer (unten links) diskutiert mit Mercedes-Chef Ola Källenius (oben rechts) über Nachhaltigkeit - unter der Leitung von CNN-Moderatorin Nina dos Santos.

Bild: Ralph Ribi

Ola Källenius ist ein Mann, der gerne Optimismus verbreitet. Vielleicht gehört das zu den Fähigkeiten, die CEO's von grossen Unternehmen mitbringen. Vielleicht ist es auch einfach ein Gebot der Stunde, weil es für einen Autobauer geschäftsschädigend ist, allzu düstere Zukunftsprognosen zu verbreiten - gerade bei Diskussionen ums Klima.

Wer dem CEO von Daimler am Freitag am St. Gallen Symposium zuhörte, gewann den Eindruck, dass alles in bester Ordnung ist. Dass es schlicht keine Alternative zu einer nachhaltigen Zukunft gibt. Und dass die meisten Firmen das längst erkannt haben. Die Botschaft des Schweden, der einst an der HSG studierte, lautete: Machen Sie sich keine allzu grossen Sorgen, die Technik wird es richten. «Wir müssen nicht die Mobilität einschränken, sondern sie nur anders gestalten.»

Bald braucht es weniger Kobalt für die Autobatterie

Källenius nannte als Belege Zahlen aus seinem Unternehmen: Bis 2039 will Mercedes klimaneutral sein, das heisst keine Fahrzeuge mehr herstellen, die mit Diesel oder Benzin betrieben sind. «Das ist eine konservative Schätzung. Ich bin ziemlich sicher, dass wir das Ziel, das wir vor zwei Jahren festgelegt haben, schon früher erreichen.»

Das Nachhaltigkeitsgebot gilt vor allem auch für die Lieferkette. Auch die soll bis in 18 Jahren weitgehend emissionsfrei funktionieren. Drei Viertel aller Zulieferer hätten sich bereits dazu verpflichtet, sagte Källenius. So ist Daimler beispielsweise daran, Autobatterien zu entwickeln, die in Zukunft massiv weniger Kobalt brauchen. Der Abbau von Kobalt - hauptsächlich im Kongobecken - ist wegen Kinderarbeit, prekären Arbeitsverhältnissen und Schäden an der Umwelt schon länger in Verruf.

Neubauer: Der Konsumrausch ist ein Teil des Problems

Luisa Neubauer, die in Deutschland die Fridays-for-Future-Bewegung mitbegründete, glaubte den Zahlen, die Källenius präsentierte, nicht so recht. Das töne alles gut, sagte die 25-Jährige. Jede Firma veröffentliche heutzutage Nachhaltigkeitsberichte, das gebe eine positive Presse. Doch folgten auf die schönen Worte auch Taten?

Sie bleibe skeptisch, wenn sie auf die weltweiten CO2-Emmissionen der vergangenen Jahre blicke, sagte Neubauer. «Ich bin auch nachdenklich aufgrund der Erfahrungen in der Vergangenheit. Wir haben viel zu lange gebraucht, um zu realisieren, auf was für ein enormes Problem wir zusteuern.» Zu sehr sei die Autoindustrie - gerade in Deutschland - noch immer mit der Politik verbandelt.

Und Neubauer äusserte auch Wachstumskritik. Viele Umweltfortschritte seien durch den Verkauf von noch mehr Autos zunichte gemacht worden. Brauchen wird denn immer mehr Konsumgüter, um glücklich zu sein? Es laufe in unserer Gesellschaft grundsätzliches etwas falsch, wenn ein nachhaltiges Leben teurer sei als ein umweltschädigendes.

Noch vor zwei Jahren hatte Neubauer in einem Interview gesagt:

«Wir sitzen in einem Auto und steuern auf den Abgrund zu.»

So pessimistisch äusserte sich die Klimaaktivistin in der Diskussion, die von CNN-Moderatorin Nina dos Santos geleitet wurde, am Freitag nicht. Doch ihre Ungeduld, ob es denn nicht etwas schneller gehe mit der Klimaneutralität, flackerte immer wieder auf.

Experten sollen die Fortschrittsziele messen

Källenius liess die Kritik, Daimler handle zu wenig schnell oder mache nur leere Ankündigungen, an sich abprallen. Er versprach: Wir werden die Fortschritte, auf unserem Weg, klimaneutral zu werden, untersuchen lassen, und zwar von externen Experten: «Messen Sie uns an den Taten!» Es gebe kein Zurück mehr. Unternehmen würden in der heutigen Zeit gar kein frisches Geld mehr von Investoren erhalten, wenn sie nicht ökologisch handelten.

Alles in bester Ordnung also? Alles aufgegleist für eine nachhaltige und klimaneutrale Zukunft? Wir werden es sehen. Spätestens am 68. St. Gallen Symposium im Jahr 2039. Vielleicht sind Källenius und Neubauer ja dann wieder dabei und ziehen Bilanz.