«Wir sind keine Zittergreise»

ALTER ⋅ Wohnungssuchen gestalten sich für Senioren als äusserst mühsames Unterfangen. Vor allem, wenn sie körperlich und geistig noch fit sind und eine bezahlbare Wohnung suchen.
22. Februar 2016, 00:00

Ismail Osman

Heinrich Strauch und seine Frau Elisabeth* sind beide 86-jährig und auf Wohnungssuche. Die beiden sind geistig und körperlich fit: Sie spielt täglich Klavier, ihn trifft man entweder in der Bibliothek, in einem Café oder zwei Mal die Woche am Stadtluzerner Markt. Ihre jetzige Wohnung liegt in einem der ruhigeren Quartiere der Stadt. Kurz: Die beiden sind auch im fortgeschrittenen Alter noch absolut selbstständig. «Aber wie lange noch?», fragt sich Heinrich. Ihre Wohnung ist mit den Stufen beim Eingang, dem Zugang zur Garage und den Treppen zur Wohnung nämlich alles andere als altersgerecht. An Alternativen mangelt es jedoch: Eine vollbetreute Alterswohnung macht für die beiden keinen Sinn. «Wir brauchen noch keine vielfältige Betreuung für den Moment, suchen aber eine altersgerechte 3 1/2 -Zimmer-Wohnung.» Solche sind aber sehr schwer zu finden oder bereits weg, sobald sie auf dem Markt sind.

Das Ehepaar Strauch steht mit seinem Problem bei weitem nicht alleine da. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Hochschule Luzern (HSLU) liegt der Fokus der Immobilienbranche auf teuren Alterswohnungen mit diversen Dienstleistungen statt auf bezahlbaren – aber altersgerechten – Wohnungen im Segment 2 1/2 bis 3 1/2 Zimmer (Ausgabe vom 10. Februar).

Planung geht zu wenig weit

«Wir sind auch keine Zittergreise, die gebrechlich in den eigenen vier Wänden verharren wollen und rund um die Uhr betreut werden müssen», stellt Heinrich Strauch klar. Für ihn geht auch die Planung der Behörden in Sachen Altersfragen nicht weit genug. «Es wird dabei unterschätzt, dass es eben auch immer mehr Personen im hohen Alter gibt, die geistig luzid und körperlich fit sind», sagt Heinrich. «Für deren Bedürfnisse hat man in der heutigen Altersplanung aus meiner Sicht noch längst nicht weit genug gedacht.»

Die Strauchs suchen weiter nach einer passenden Wohnung. Eine steht längerfristig sogar in Aussicht, ist aber voraussichtlich erst 2018 bezugsbereit. «Wir hoffen nun einfach, dass wir bis dahin noch in unserem Zuhause bleiben können.»

Nachbarn helfen sich

«Die Mehrheit der Senioren will heute möglichst lange, möglichst selbstständig in ihrem Zuhause leben können», sagt René Fuhrimann. Er ist Geschäftsleiter des Stadtluzerner Nachbarschaftsprojekts Vicino Luzern (italienisch für Nachbar oder nah). Das Pilotprojekt wurde von der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL) und der Spitex der Stadt Luzern lanciert. Ziel sei, die Nachbarschaft im Neustadtquartier besser zu vernetzen, wovon nicht zu­letzt auch die ansässigen Senioren profitieren sollen. «Es geht beispielsweise darum, die bestehende Nachbarschaftshilfe zu stärken.» Mit solch informeller Nachbarschaftshilfe sind ganz natürliche Hilfeleistungen zwischen Nachbarn gemeint: «Beispielsweise den Einkauf für eine betagte Nachbarin erledigen, den Briefkasten leeren oder zur Katze schauen», erklärt Fuhrimann.

Niederschwellige Hilfe

Es seien eben genau mehr solche kleinen Alltagshilfen, die in Zukunft eher wieder gefragt sein würden, als das, was teure betreute Alterswohnungen bieten. «Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass wir heute und in den nächsten Jahren gleich zwei Generationen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen im Pensionsalter haben», sagt Fuhrimann. «Es ist zum einen die ‹Vorkriegsgeneration›, die bereits in einem gebrechlicheren Alter ist. Zum anderen aber auch deren Kinder – die ‹Babyboomer›, die noch voll fit sind.»

Derzeit arbeitet man bei Vicino Luzern an einem Pavillon, der dem Quartier als Treffpunkt dienen soll. Dieser soll im Sommer eröffnet werden. «Es gibt sehr viele Angebote, die ältere Personen nutzen können», sagt Fuhrimann. «Was fehlt, sind unabhängige Auskunftspersonen, die einem dabei helfen, sich einen Überblick über die Angebote zu verschaffen. Auch das ist Vicino Luzern daran anzubieten.»

Alterswohnungen funktionieren

Dass Alterswohnungen mit Dienstleistungen aber auch funktionieren können, zeigt das Beispiel «Sonnenpark Wohnen mit Service 60+» im Zentrum von Hochdorf. Die Baugenossenschaft Bellevue erstellte dort für 14 Millionen Franken insgesamt 37 Mietwohnungen. Die Preise für die 2 1/2 - bis 3 1/2 -Zimmer-Wohnungen liegen zwischen 1600 Franken und 1800 Franken. Die örtliche Kommission 60+ führt am 20. April 2016 eine Informationsveranstaltung zum Thema Wohnformen im Alter durch. Präsidiert wird die Kommission für Altersfragen von Gemeinderat Daniel Rüttimann. Im Rahmen der Informationsveranstaltung wird man auch erste Erfahrungen mit dem im vergangenen Herbst fertiggestellten Sonnenpark-Projekt ansprechen. Diese fallen durchwegs positiv aus: «Die Wohnungen waren sehr schnell weg», sagt Rüttimann auf Anfrage. Das «Päckli», welches die Wohnungen mit dem nahe gelegenen Alters- und Pflegeheim Sonnmatt in Form von Dienstleistungen, wie eines Con­cierge-Services mit regelmässiger Präsenzzeit, anbietet, zahle sich aus.

Vernetzung ist matchentscheidend

Dennoch werde auch das Zu-Hause- Wohnen ein zunehmend wichtigeres Thema. «Wir müssen darüber diskutieren, was die Chancen, aber auch die Grenzen des komplett eigenständigen Wohnens sind.» Für eine funktionierende Alterspolitik sei eine Vernetzung der verschiedenen Organisationen «unabdingbar und matchentscheidend».

*Namen von der Redaktion geändert


Anzeige: