«Grenzgebiete»
Spaziergang in die Vergangenheit: Diese Fotos werfen uns zurück in die Zeit des Lockdowns

Von einem Tag auf den anderen wurden während der Pandemie Feldwege und Strassen an der Landesgrenze gesperrt. Der Basler Fotograf Jan Sulzer hat das blockierte Leben mit der Kamera festgehalten – und stellt seine Bilder nun in Riehen aus.

Mélanie Honegger Jetzt kommentieren
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Absperrbändeli müssen genügen: Blick auf eine Grenzsperrung in Riehen. Nebenan der Grenzstein zwischen Deutschland und der Schweiz.

Absperrbändeli müssen genügen: Blick auf eine Grenzsperrung in Riehen. Nebenan der Grenzstein zwischen Deutschland und der Schweiz.

Kenneth Nars

Einmal raus an die frische Luft kommen, sich bewegen und vielleicht sogar jemanden treffen: Während der Pandemie entwickelte sich der Spaziergang zum Schweizer Volkssport. Wer in Basel das Gefühl von Freiheit suchte, den zog es möglicherweise in die Langen Erlen, hin zu Wäldern und Wiesen, hinaus in die Weite.

Genau hier, im Landschaftspark Wiese, wird man in diese Vergangenheit zurückversetzt. Zwölf Fotografien bringen Spaziergängerinnen und Hündeler unmittelbar in die Zeit der Pandemie zurück. Fotograf Jan Sulzer ist im Frühjahr 2020 durch die Schweiz gereist und hat mehrere hundert Grenzschliessungen festgehalten. Eine umfassende Sammlung der Fotos veröffentlichte er vor zwei Jahren bereits im Bildband «Abgeriegelt» (erschienen im Benteli Verlag).

Grenzübergang im Riehener Wald. Auch hier wurden die Absperrbänder eher behelfsmässig befestigt.

Grenzübergang im Riehener Wald. Auch hier wurden die Absperrbänder eher behelfsmässig befestigt.

zvg/Jan Sulzer

«Ich wollte mit einem lachenden Auge auf die Absperrungen schauen», sagt Sulzer. Seine Bilder erzählen von den Eigenheiten, die er in den einzelnen Regionen angetroffen hat. Eine Grenzsperrung sieht schliesslich nicht überall gleich aus.

«In Basel hat man im Vergleich eher leicht gearbeitet, mit Absperrungen aus Drahtgitter.»
Anders als in Riehen wurde die Grenze in Pedrinate (TI) mit mehreren Absperrgittern blockiert.

Anders als in Riehen wurde die Grenze in Pedrinate (TI) mit mehreren Absperrgittern blockiert.

Kenneth Nars

Anders in der Ostschweiz, «dort haben sie teilweise richtige Betonmonster in den Wald geschleppt». In Riehen wiederum, das zeigt eines der Bilder, hat man weniger akkurat gearbeitet und einige lose Bänder aufgehängt. Und an der Grenze zu Weil am Rhein seien die Grenzwächter besonders darauf bedacht gewesen, die Pylonen sorgfältig zu positionieren, um ein gutes Bild hinzubekommen.

Bei den Leuten, die zwei Jahre nach den Grenzschliessungen mit dem Hund zufällig an Sulzers Fotografien vorbeilaufen, lösen die Bilder gemischte Gefühle aus.

«Vor zwei Jahren stand da die Schweizer Grenzwache mit Maschinenpistolen»,

sagt ein älterer Herr aus Deutschland und zeigt auf die unmerkliche Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Er bleibt vor einem Foto stehen, das den gesperrten Grenzübergang bei Riehen zeigt, und sagt lange gar nichts mehr – als könne er auch nach zwei Jahren nicht fassen, was passiert ist.

In Allschwil kamen Temposchwellen mit Pollern zum Einsatz.

In Allschwil kamen Temposchwellen mit Pollern zum Einsatz.

Kenneth Nars

Es ist eine von vielen Reaktionen, die Sulzer in den vergangenen Wochen erhalten hat, seit seine Bilder ausgestellt sind. Ein Privileg, das ihm nicht immer in diesem Ausmass zuteilwird. «Ich wollte, dass Leute auf die Fotografien treffen, die nicht auf der Suche sind nach einer Ausstellung», sagt der Fotograf.

«Die Leute, die im Grenzgebiet spazieren, kennen die Gegend und haben Erinnerungen an die Grenzschliessungen.»

Vielfalt trifft auf Nostalgie

Rund eine Stunde dauert der Spaziergang entlang der Wiese, die Hälfte auf Schweizer Seite, die andere in Deutschland. Die Grenze, die ist heute ein theoretisches Konstrukt, einzig durch ein Schild und einen versteckten Grenzstein erlebbar. Wer auf ein Bild schaut, hat das Nachbarland stets mit im Blick. Beim Spaziergang begrüsst man sich auf Schweizerdeutsch, auf Hochdeutsch, vielleicht auch auf Französisch – wie immer, wenn man in der Region unterwegs ist.

Eine weitere Grenze in Riehen. Die Absperrung wurde bereits niedergetrampelt.

Eine weitere Grenze in Riehen. Die Absperrung wurde bereits niedergetrampelt.

zvg/Jan Sulzer

Eine Vielfalt, die im Kontext der Ausstellung intensiver wirkt als auf einem gewöhnlichen Ausflug ins Grüne. Sofort kommen Gefühle und Erinnerungen hoch: an die bedrückende Enge der Schweiz, an Beziehungskrisen während der Pandemie, an Reisen, die kurzfristig abgesagt werden mussten.

In der Heimat eingeschlossen

So beklemmend die Ausnahmesituation für die meisten gewesen ist: Für den Fotografen, der im Süden Deutschlands aufgewachsen und heute in Basel wohnhaft ist, hatten die Grenzschliessungen auch einen positiven Aspekt. Er sagt:

«Plötzlich war man eingeschlossen in einem Land. Das fand ich nicht gut, aber ich habe dadurch gemerkt, dass meine Wahlheimat doch tatsächlich zu meiner Heimat geworden ist.»

«Grenzgebiete – Eine Ausstellung im Grünen»
Landschaftspark Wiese, Start des Rundgangs beim Restaurant Schliessi. Bis 21.10.
www.jansulzer.com

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