«Es ist wichtig, nicht kopflos draufloszurennen»

EXTREMSPORT ⋅ Kilian Braun (29) aus Luzern rast mit 82 Stundenkilometern Bobbahnen hinunter – und das auf Schlittschuhen. Wenn es darum geht, gegen mehrere Konkurrenten auf holprigen Eispisten anzutreten, gehört er der Weltspitze an.
27. Dezember 2016, 05:00

Kilian Braun, Sie fahren mit Schlittschuhen Rennen auf Bobbahnen und Eispisten. Geht es Ihnen mehr ums Siegen oder darum, heil im Ziel anzukommen?

Im Sport zählt natürlich der Sieg. Aber Stürze lassen sich nicht immer vermeiden.

Sie sind ein Extremsportler. In horrendem Tempo rasen Sie über Sprünge und duellieren sich Mann gegen Mann. Was ist bei der Aussicht, sich die Knochen zu brechen, so faszinierend?

In einer aufgebauten Eispiste in einer Stadt Rennen zu fahren, ist einfach genial.

Welche Geschwindigkeit erreichen Sie?

Rund 82 Stundenkilometer.

Hört sich nicht nach einem Wahnsinnstempo an!

Ein Eishockeyspieler im Sprint bringt 35 Stundenkilometer auf die Kufen. Zu Fuss ist das schnell.

Eben, Sie spielen ja selber Eishockey. Wieso belassen Sie es nicht dabei, den Puck ins gegnerische Tor zu schiessen?

Die meisten im Ice Cross Downhill haben einen Eishockey-Hintergrund. Ich spielte in Olten, und seit drei Jahren bin ich in Engelberg, nachdem ich damals nach Luzern gezogen bin. Angefangen habe ich in meinem früheren Wohnort Rothrist mit Inline­hockey. Das war mir aber zu brav, weil praktisch kein Körperkontakt erlaubt ist.

Wer hat Ihnen den Floh vom Downhill auf Schlittschuhen ins Ohr gesetzt?

Ein Kollege zeigte mir 2008 ein Video vom «Red Bull Crashed Ice», bei dem vier Fahrer auf einer in einer Stadt aufgebauten Eispiste gegeneinander antraten.

Und Sie waren begeistert!

Ja. Beim ersten Rennen war ich sehr nervös. Als ich am Start stand, glaubte ich für einen Moment, mein Herz würde nicht mehr schlagen.

Wie lief das Rennen?

Ich rannte, ohne zu überlegen, mit allem, was meine Beine hergaben, los. Beim ersten Sprung verletzte ich mich am Fussgelenk. Typisch. Es sind meistens die neuen Fahrer, die stürzen und Blessuren davontragen.

Ungefährlich sind die Fahrten also nicht?

Nein, das zu glauben, wäre ein Fehler. Wir fahren auf pickelharten Pisten. Man muss wissen, was man tut, und sollte die Technik beherrschen, hinzufallen, ohne sich zu verletzen.

Haben Sie sich oft verletzt?

Nein. Fussball spielen wäre für mich gefährlicher. Im Jahr 2015 verletzte ich mich bei einem Sturz an der Schulter. Ich musste drei Monate pausieren und dachte ans Aufhören. Aber ich trainierte im Sommer hart und kämpfte mich an die Weltspitze zurück.

Wo stehen Sie heute?

Derzeit belege ich in der Weltrangliste Platz acht beim «Red Bull Crashed Ice» – dem eigentlichen Weltcup. Ich bin somit der beste Schweizer.

Bei wie vielen Teilnehmern?

Es gibt rund 15 000 Männer, die diesen Sport ausprobieren. Beim Weltcup sind 80 Fahrer zugelassen. Die 64 Besten der Welt werden eingeladen. Die restlichen 16 Plätze werden in Qualifikationsläufen ausgemacht.

Wo wilde Kerle an Rennen teilnehmen, dort wird ordentlich gefeiert. Richtig?

Klar finden bei diesen Events Partys statt. Ich bin aber nicht derjenige, der da regelmässig mitmacht. Ich konzentriere mich auf die Rennen. Das Mühsame ist jedoch, dass man den Girls, welche die Energy-Drinks verteilen, fast keinen Korb geben kann. Deshalb konnte ich nach meinem ersten Event kaum einschlafen.

Wie stark sind Sie auf der Bobbahn?

Ich behaupte mal frech, dass ich im «Ice on Fire», wie diese Veranstaltungen heissen, momentan der Beste bin. Das ist aber eine völlig andere Geschichte.

Was ist anders?

Wie beim Skifahren oder im Bobsport handelt es sich um Zeitrennen. Das sind kleinere lustige Events mit coolen Leuten. Am 9. Januar ist in Lillehammer ein Europameisterschaftsrennen und im März eines in Lettland.

Starten Sie dort?

Ja, im Winter fokussiere ich mich auf die Downhill-Rennen. Meine Arbeit als Schreiner – ich baue Kinderspielplätze – und das Eishockey unterbreche ich.

Haben Sie keine weichen Knie mehr, wenn Sie oben stehen?

Nein, wir trainieren intensiv. Auf Schlittschuhen und im Sommer auf Inlineskates. Wir sind uns bewusst, dass wir eine Risikosportart betreiben und auf Pisten fahren, die im Vergleich zu einem Eisfeld holprig sind wie ein Acker. Das Terrain ist für neue Fahrer sehr schwierig.

Tragen Sie Spezialschuhe?

Normale Eishockeyschuhe. Die Kufen sind aber speziell. Ich habe sechs Jahre experimentiert, um die richtigen für mich zu finden.

Was raten Sie jungen Leuten, die in den Sport einsteigen?

Es ist wichtig, mit Respekt ins Rennen zu starten und nicht kopflos draufloszurennen. Zudem muss man mental gut vorbereitet sein. Und es braucht einen guten Schluck Mut, denn es kann schnell etwas passieren. Die Kombination der Sportarten Hockey, Ski und Downhill ist das ideale Training.

Wie fiebert Ihre Familie mit?

Der Vater ist stolz, die Freundin findet es cool, und die Mutter hat vor jedem Rennen etwas Angst.

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Video: Ice-Downhill: Kilian Braun (29) in Action

Kilian Braun (29) aus Luzern rast mit 82 Stundenkilometern Bobbahnen hinunter – und das auf Schlittschuhen. Wenn es darum geht, gegen mehrere Konkurrenten auf holprigen Eispisten anzutreten, gehört er der Weltspitze an. Das Video zeigt das Rennen am 30. Januar 2016 in Jyväskylä in Finnland. (Red Bull Content Pool, 30. Januar 2016)




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