Die Ruhe nach dem Sturm

RUDERN ⋅ Für Mario Gyr (31) neigt sich ein eindrückliches Jahr dem Ende zu. Über die Weihnachtstage findet der Olympiasieger etwas Ruhe im Kreis seiner Familie. Doch lange lehnt sich der Luzerner nicht zurück.

24. Dezember 2016, 05:00

Jonas von Flüe

jonas.vonfluee@luzernerzeitung.ch

Mario Gyr trifft etwas verspätet am Treffpunkt in der Luzerner Kleinstadt ein. Und es dauert eini­ge Momente, bis er richtig ankommt. Weihnachten steht vor der Tür, die Zeit der Ruhe, der Besinnung, doch der 31-Jährige wirkt zunächst leicht gestresst. Er sei später noch zum Jassen verabredet, erklärt er.

Dabei hat sich Gyr doch bewusst zurückgezogen, seit Beginn des Monats Dezember nimmt er keine Einladungen mehr an. Im April und Mai stehen die Prüfungen für das Anwaltspatent an. Diese haben Priorität. «Die Vorbereitung ist ähnlich wie im Sport. Es braucht enorm viel Disziplin», sagt er. Statt im Kraftraum und auf dem Wasser «trainiert» Gyr nun in jener Anwaltskanzlei, in der er auch sein Praktikum gemacht hat und über der er in der Luzerner Altstadt wohnt. Täglich wälzt er Bücher und Ordner, holt sich Ratschläge bei seinen Kolleginnen und Kollegen und versucht so viele praktische Beispiele durchzuarbeiten wie nur möglich.

Truthahn, Mailänderli und Spitzbuben

Über Weihnachten jedoch legt Gyr die Bücher beiseite. Er gönnt sich immerhin zwei freie Tage, nimmt sich Zeit für seine Liebsten. Heute feiert er mit Mutter Carla, Vater Gregor und Bruder Vivian im kleineren Rahmen. Auf den Tisch kommt traditionell ein Truthahn, zubereitet vom Vater. Mario Gyr erinnert sich: «Den Truthahn gibt es schon, seit ich denken kann. Als wir noch Kinder waren, war Schlitteln am Pilatus ebenfalls ein fester Teil des Weihnachtsfests.» Weihnachten wäre für Gyr aber nie komplett ohne die Mailänderli und die Spitzbuben seiner Grossmutter. «Früher war ich vor Weihnachten oft im Trainingslager. Kaum war ich zurück, hat sie mir Guetzli vorbeigebracht», erzählt er. In diesem Jahr stand er ihr tatkräftig zur Seite. Morgen Sonntag feiert Gyr gemeinsam mit seinen Grosseltern und seiner Freundin Fabienne, bevor es dann für ein paar Tage nach Davos zum Skifahren geht.

Der Sport hat Gyr 2016 geprägt wie in keinem anderen Jahr. Nicht, dass er früher nicht genau so oft und hart trainiert hätte, doch gemeinsam mit Simon Schürch, Lukas Tramèr und Simon Niepmann wurde er bekanntlich Olympiasieger im Leichtgewichtsvierer. All die Schufterei, der Verzicht, die Disziplin hat sich endlich ausbezahlt – und den Rudersport temporär ins Rampenlicht gerückt. Das Gesicht des Quartetts: Mario Gyr.

«Gyr, Glanz und Gloria», schrieb die «Neue Zürcher Zeitung» in ihrer gestrigen Ausgabe treffend. Während Schürch, Tramèr und Niepmann trotz des Olympiasieges im Hintergrund blieben, war Gyr Gast im «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens, er trat bei «Jeder Rappen zählt auf», besuchte Schulklassen, sprach vor dem Kader grosser Unternehmen über die richtige Motivation.

Täglich 30 bis 40 E-Mails

30 bis 40 E-Mails habe er in den ersten Wochen nach dem Olympiasieg täglich erhalten, erzählt er. Viele Einladungen hat Gyr abgelehnt, aber er fühlte sich auch verantwortlich: «Ich kann meinen Sport nur in einem kurzen Zeitfenster präsentieren und will den Leuten auch etwas zurückgeben.» Ins «Sportpanorama» wollte er nicht allein, denn der Leichtgewichtsvierer ist ein Team, in dem jedes Mitglied gleichwertig ist. Doch das Fernsehen lehnte ab. Also entschied sich Gyr nach Rücksprache mit seinen Kollegen und Verbandsdirektor Christian Stofer, die Einladung anzunehmen.

Im November kamen rund 30 Anlässe zusammen, die Gyr besucht hat – und die ihm auch ein schönes Einkommen generiert haben. Er betont, dass ihm viele Anlässe grossen Spass bereitet hätten, vor allem die Schulbesuche, als er die leuchtenden Augen der Kinder beim Anblick der Goldmedaille sah.

Doch Gyr hat die Zeit auch genutzt, um für die nächsten Monate vorzusorgen, wenn er wegen der anstehenden Anwaltsprüfungen kein fixes Einkommen hat. «Finanziell war der Herbst lukrativ», gibt er unumwunden zu. Viele neue Sponsoren sind allerdings nicht dazugekommen. Das hat mit der unsicheren sportlichen Zukunft zu tun. «Ob und wie es weitergeht, werde ich erst nach meinen Prüfungen entscheiden», sagt Gyr.

Klar ist hingegen: Den Leichtgewichtsvierer wird es in der bisherigen Besetzung nicht mehr geben. Lukas Tramèr und Simon Niepmann werden ein Zwischenjahr einlegen, Simon Schürch liebäugelt mit einem neuen Projekt, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Joél. Und Gyr gibt offen zu, dass er eine neue Herausforderung braucht: «Die offene Kategorie reizt mich.»

Zehn Kilogramm schwerer als im Sommer

Mario Gyr musste schon immer am meisten auf seine Ernährung achten, um die Gewichtslimite nicht zu überschreiten. Rund zehn Kilogramm mehr als im Sommer bringt er momentan auf die Waage. Er weiss: Sollte der Leichtgewichtsvierer olympisch bleiben – die Entscheidung fällt im Februar – wären die Chancen auf eine weitere Medaille in dieser Kategorie grösser. Doch Gold hat er ja schon.

Und den leichten Weg ging Gyr noch nie. Die Konkurrenz ist im schweren Vierer um einiges stärker. Weil aber die Olympia-Siebten um den Neuenkircher Roman Röösli bereits signalisiert haben, dass sie ihre Karriere fortsetzen werden, ergeben sich spannende Konstellationen, die sich Gyr durchaus vorstellen könnte. Doch wie erwähnt: Gyr fällt seinen Entscheid erst nach seinen Prüfungen. Das Timing ist gut: Weil die Weltmeisterschaften 2017 erst Ende September stattfinden, hätte er noch Zeit, um den Trainingsrückstand aufzuholen. Er sagt: «Keine Arbeit ist mit solchen Emotionen verbunden wie der Sport.»

Momentan ist er rund einmal pro Woche auf dem See, Sport steht aber trotzdem täglich auf dem Programm. Mittwochs spielt er Fussball mit Freunden, so pflegt Mario Gyr sein soziales Beziehungsnetz. Ganz ohne Druck, ganz ohne Stress. Auch das hat seine Reize.


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