Marcel Hug: «Der Wow-Effekt bleibt»

ROLLSTUHLSPORT ⋅ Marcel Hug (Nottwil) hat das erfolgreichste Jahr seiner Karriere hinter sich: Er holt sich erstmals paralympisches Gold. Die nächsten Ziele sind angepeilt – darunter ist auch ein Weltrekord.
23. Dezember 2016, 05:00

Interview Theres Bühlmann

theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch

Marcel Hug, Sie wurden am Sonntag zum Schweizer Behindertensportler des Jahres gewählt, es gab unter anderem einen Empfang beim Bundesrat, eine Ehrung der Gemeinde Nottwil und Sie sind Thurgauer des Jahres. Fanden Sie Zeit, Weihnachtseinkäufe zu tätigen?

Es war tatsächlich viel los, ich musste mich beeilen, aber für die meisten Geschenke reichte es.

Sie wurden 2004 bei den Sports Awards zum Newcomer des Jahres gewählt und fünfmal zum Behindertensportler des Jahres. Sind solche Ehrungen nun Routine oder gibt es immer noch einen gewissen Wow-Effekt?

Der Wow-Effekt bleibt. Vor allem in diesem Jahr, welches mit dem Gewinn der zwei paralympischen Goldmedaillen in Rio de Janeiro mein erfolgreichstes war, bekommt diese Auszeichnung eine spezielle Bedeutung.

Wo bewahren Sie eigentlich all die Trophäen auf?

Eine steht bei meinem Trainer Paul Odermatt, eine bei meinem Bruder, eine bei meinen Eltern und drei in meiner Wohnung.

Sie sind als ruhige Person bekannt. Bei der Zieleinfahrt über die 800-m-Distanz bei den Paralympics in Rio sah man aber einen Marcel Hug voller Emotionen. Was ging Ihnen in diesen Augenblick durch den Kopf?

Im ersten Moment konnte ich es kaum glauben, dass alle hinter mir geblieben sind. Es war einfach nur eine unglaubliche Befreiung, endlich die ersehnte erste paralympische Goldmedaille zu gewinnen.

Sie gewannen dann noch die Goldmedaille im Marathon. Was hat sich seit dem Doppelerfolg in Rio in Ihrem Leben verändert?

Der Bekanntheitsgrad ist sicher noch etwas gestiegen. Ich bekomme nun vermehrt Anfragen für verschiedene Anlässe. Aber alle kann ich leider nicht annehmen, ich muss jeweils etwas sortieren.

Rennen Ihnen nach dem Gewinn der Goldmedaillen die Sponsoren die Türe ein?

Neue Anfragen bekam ich nicht, aber von den bestehenden Sponsoren gibt es positive Feedbacks, und das ist sehr wichtig und freut mich sehr.

Sie konnten neben dem Paralympics-Marathon auch die grössten Städtemarathons von Boston, London, Berlin, Chicago und New York gewinnen und so die erstmals eingeführte Major-Serie im Marathon für sich entscheiden. Alle diese Rennen wurden im Sprint entschieden. Woher kommt diese Stärke?

Die kommt von den Bahnrennen, und da habe ich gegenüber den ausschliesslichen Langstreckenspezialisten einen gewissen Vorteil. Auch haben wir im Training diesem Aspekt grosse Beachtung beigemessen und sehr viel in diese Richtung gearbeitet.

Sie sind seit 2010 im Profistatus, leben auch von den Preisgeldern. Wie zahlt sich ein Sieg bei einem Marathonrennen finanziell aus?

Die Preisgelder sind unterschiedlich: In Berlin gibt es 5000 Euro, in London bekommt man 20000 Dollar. Ich konnte in diesem Jahr etwas Geld zurücklegen, falls es in einer Saison mal nicht so gut läuft …

Sie sind über 20 Jahre in diesem Sport dabei. Welches sind die markantesten Veränderungen?

Eine liegt beim Material, heute verwenden wir Rollstühle aus Karbon und teils aus leichtem Aluminium. Alles ist aber professioneller geworden, die Trainings und auch die Rahmenbedingungen bei den Wettkämpfen, vor allem bei den Marathons. Auch das internationale Leistungsniveau und die Leistungsdichte sind deutlich gestiegen.

Sie sind jemand, der im Bereich des Materials alles optimiert. Da bleiben selbst die Handschuhe nicht ausgenommen …

Diese wurden weiterentwickelt, damit ich die Schlageffizienz verbessern konnte. Da musste unter anderem der Winkel der Handstellung analysiert werden, so kann ich nun mehr Druck auf die seitliche Handfläche geben. Wir versuchen nun, die Handschuhe von einem 3-D-Drucker nachbauen zu lassen. Auch mein Rollstuhlhersteller hat bereits wieder einen neuen Prototyp entwickelt.

Das klingt ganz so, als ob Sie einen weiteren paralympischen Zyklus auf sich nehmen.

Ja, denn Tokio 2020 ist mein nächstes langfristiges Ziel.

Sie sind 30 Jahre alt, mehrfacher Welt-und Europameister, halten jede Menge Weltrekorde und sind nun zweifacher Paralympicsieger. War der Rücktritt für Sie noch nie ein Thema?

Nein, ganz und gar nicht. Ich habe meinen sportlichen Zenit noch nicht überschritten, ich bin im besten Alter, da liegt noch einiges drin, und die Freude ist immer noch vorhanden.

Im nächsten Jahr findet die Bahn-WM in London statt. Und da ist ja noch ein weiteres Ziel, das sie unbedingt erreichen möchten: den Weltrekord im Marathon verbessern. Dieser wird von Heinz Frei mit 1:20:14 gehalten.

Ja, den möchte ich knacken. Meine Bestzeit liegt bei 1:20:52. Nach 17 Jahren ist es an der Zeit, dass der Weltrekord verbessert wird.

Apropos Heinz Frei: Er war mit seinen 58 Jahren in Rio de Janeiro immer noch dabei. Werden wir Sie in diesem Alter auch noch aktiv bei Grossanlässen sehen?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

Wo verbringen Sie die Feiertage?

Ich reise in den Thurgau und werde die Festtage bei meiner Familie in Pfyn geniessen.

Eine erfolgreiche Karriere

Marcel Hug kam 1986 mit Spina bifida (offener Rücken) in Pfyn TG auf die Welt. Zehn Jahre später bestritt er in Schenkon zum ersten Mal in der Juniorenkategorie ein Rennen, welches er gewann. Hug ist mehrfacher Welt- und Europameister und holte sich unzählige Schweizer-Meister-Titel, gewann mehrmals alle bedeutenden Städtemarathons und Medaillen an den Paralympics. Zudem ist er im Besitze der Weltrekorde über 800, 1500, 5000 und 10000 m. Marcel Hug wohnt in Nottwil.


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