Fabian Bösch: Auf der Suche nach der nächsten Limite

FREESKI ⋅ Fabian Bösch ist der Teamleader der Schweizer Freeski-Equipe. Auch in dieser Saison gilt: Für den 19-jährigen Engelberger gibt es eigentlich keine Grenzen.
17. November 2016, 05:00

Was Fabian Bösch über seine Social-Media-Kanäle verbreitet, kann auch beim Konsumenten zu Adrenalin-Schüben sorgen. Ein Bild des vergangenen Sommers: Bösch steht auf dem Querbalken des Gipfelkreuzes auf Rigi Hochflue. Fünf Meter unter ihm beginnt der steile Abgrund, der weitere tausend Meter später im Vierwaldstättersee endet. Und natürlich hält er sich nur mit einer Hand am Kreuz fest.

Einige Wochen später begibt sich Bösch auf die Skisprungschanze in Einsiedeln. Der Sommer Grand Prix der Skispringer steht an – um das Vorprogramm kümmert sich der Engelberger. Rückwärts fährt er runter, macht eine halbe Drehung und zeigt wenig später einen Vorwärtssalto über einen kleineren Kicker auf der Landebahn. Und ein drittes Müsterchen, das sich ebenso nicht zum Nachahmen eignet: An einem Freitagnachmittag überspringt Bösch in Badehose aus etwa zehn Metern Höhe eine Strasse per Vorwärtssalto und landet bei Stansstad im See. Darunter schreibt er sinngemäss «Sprung ins Wochenende».

Sein Ausrüster «hatte Freude»

Angesprochen auf den Balanceakt auf dem Rigi-Kreuz sagt Fabian Bösch: «Ein bisschen unheimlich war mir das schon.» Der Sprung in den See würde aber verrückter aussehen, als er tatsächlich gewesen sei. «Dort springst du aus grosser Höhe. Insofern ist es fast nicht möglich, dabei auf der Strasse zu landen.»

Es gäbe noch weitere Beispiele dieser Art. Sie zeigen die verhältnismässig normalen Freizeit-Aktivitäten eines 19-jährigen Freeskiers mit einer bemerkenswerten Athletik. Koordinative Fähigkeiten? Im Übermass vorhanden. Mentale Belastbarkeit? Sowieso. Sein Trainer Misra Torniainen sagt: «Fabian hat ein enormes Körpergefühl und eine hohe Auffassungsgabe. Für ihn ist es meist langweilig, einfach etwas Normales zu machen.» Hinzu kommt die ureigene Lust von Freestyle-Sportlern, an die Grenzen zu gehen, möglichst grosse Schanzen zu überspringen und dabei die Zahl der Drehungen und Salti zu steigern. Sich ans «Limit zu pushen», wie es auf der Webseite des Schweizer Freeski-Teams zu lesen ist, scheint als Credo über allem zu prangen.

In Böschs Karriere folgte bisher in jeder Saison der Sprung aufs nächste Level. Als 16-Jähriger stand er erstmals an den Olympischen Winterspielen am Start. Erst zwei Jahre zuvor, wechselte er vom alpinen Skifahren auf Freeski. Als 17-jähriger folgte der FIS-WM-Titel im Slopestyle. Mit 18 triumphierte er an den X-Games im Big Air. Und im kommenden Frühjahr wird er die Titelverteidigung an der WM in Sierra Nevada (6. bis 19. März) anstreben, noch nicht 20-jährig, wohlverstanden. Doch Bösch ist nicht einer, der sich nur auf einen Event fokussiert. Oder in diesem Fall alles der WM unterordnen würde. «Ich gebe überall Vollgas», sagt er und doppelt nach mit einem Satz, der vielleicht unlogisch klingt, aber Bösch ganz genau so meint: «Bei mir hat alles Priorität.»

Winterspiele sind schon präsent

In der Weltrangliste der «Association of Freeskiing» (AFP) belegt Bösch momentan in der Kategorie Big Air Platz 1. Für potenzielle Sponsoren aus den USA ist die Rangliste wesentlich interessanter als diejenige der FIS. Da und dort wurde sein Triumph an den X-Games, demjenigen Event mit der grössten Reputation im Freestyle-Bereich, mit dem Durchbruch im US-Markt gleichgesetzt. Im Nachhinein kann festgehalten werden: Wirklich verändert hat sich nicht viel. Sein österreichischer Ski-Ausrüster habe aber sehr wohl «Freude gehabt», sagt er. Und dies spürte er auch in Zahlen, die Vertrags-Konditionen verbesserten sich. Eine andere Folge: In diesem Jahr wird Bösch für die wichtigsten Contests eine Einladung erhalten – als Titelverteidiger natürlich auch für die X-Games in Aspen.

Tatsächliche Rückschläge sind in Böschs Karriere wenig auszumachen. Vor zwei Jahren hatte er eine kleinere Verletzung am Sprunggelenk. Und wenn man so will, war die Ausbeute an den Winterspielen in Sotschi enttäuschend. Hohe Ambitionen hatten die Schweizer Freeskier, Zählbares schaute jedoch nicht heraus – Bösch verpasste gar den Finaldurchgang. In Pyeongchang 2018 soll die Geschichte anders ausgehen. «Das ist sicher schon ein Thema, zumal die jetzige Saison bereits zur Qualifikation zählt», sagt er. Für sein Trainer ist klar, Bösch sind alle Erfolge zuzutrauen. Zur Weltspitze gehört er schon. Und vielleicht ist analog zum Rigi-Gipfel noch mehr möglich. Versuchen wird er es mit Sicherheit.

Freeski-Saison 2016/17. FIS-Weltcup-Tour: Mönchengladbach (2. Dezember/Big Air). – Copper Mountain/USA (15. bis 17. Dezember/Halfpipe). – Font Romeu/FRA (13./14. Januar/Slopestyle). – Seiser Alm/ITA (26. bis 28. Januar/Slopestyle). – Mammoth/USA (1. bis 4. Februar/Halfpipe/Slopestyle). – Quebec City/CAN (9. bis 12. Februar/Slopestyle/Big Air). – Silvaplana (3./4. März/Slopestyle). – Tignes/FRA (7. März/Halfpipe). – Myrkdalen-Voss/NOR (24./25. März/Big Air).

X-Games: 26. – 29. Januar (Aspen/USA).

FIS-WM: 6. bis 19. März (Sierra Nevada/SPA).

Claudio Zanini

Video: Springen und Zurückblicken mit Fabian Bösch

Fabian Bösch hat sich vom erfolgreichen Nachwuchstalent im Ski Alpin zu einem der besten Freeskier der Welt Entwickelt: . Olympiateilnehmer, Weltmeister, X Games Gewinner. (youtube.com/perspectives, 10. August 2016)

Video: Fabian Bösch fährt Skisprungschanze runter

Der 19-jährige Freeskier Fabian Bösch zeigt auf Facebook ein Video von sich, wie er eine Skisprungschanze rückwärts runterfährt. Anschliessend hängt er noch locker einen Vorwärtssalto an. (Fabian Bösch, 09.08.2016)

Video: Die Tricks von Ski-Freestyler Fabian Bösch

Zu ersten Mal nimmt Fabian Bösch dieses Jahr an den X-Games teil. Die X-Games finden in den USA statt und sind das Highlight der Freerider-Szene. Im Video präsentiert er seine Tricks an einem Event in Italien. (Youtube, 29.1.2016)

Video: Engelberg feiert Fabian Bösch

Fast ein Jahr nach Olympiasiegerin Gisin empfing das Klosterdorf am Samstag einen Weltmeister: Fabian Bösch (17). (Tele 1, 25.01.2015)

Video: Der Siegersprung von Fabian Bösch

Der 18-jährige Fabian Bösch aus Engelberg gewinnt die X-Games in Aspen. (Srf, 31. Januar 2016)




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