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Damien Brunners Vollendung des amerikanischen Traums

EISHOCKEY ⋅ Morgen beginnt die NHL-Saison. Und für Damien Brunner, den früheren Star des EV Zug, damit in Detroit eine neue Zeitrechnung.

Detroit ist eine Stadt der Extreme. Die Metropole am äussersten nördlichen Rand der USA, bloss durch den Detroit River von Kanada getrennt, war einst der prosperierende Katalysator des aufstrebenden Amerikas. «Motown» war die Geburtsstätte der Fliessbandarbeit; Henry Ford liess hier die ersten für jedermann erschwinglichen Autos bauen, und gewiefte Strategen machten den Cadillac zum Statussymbol.

Bloss: Das ist lange her. Heute ist Detroit ein Moloch mit viel Brachland, einer Arbeitslosigkeit von gegen 20 Prozent und wenig Perspektiven. 220 000 Jobs sind in den letzten 40 Jahren alleine in der Autoindustrie weggefallen. Lebten in den 50er-Jahren noch zwei Millionen Menschen in Detroit, sind es inzwischen nur noch 700 000. Wer es sich leisten konnte, zog in die vermögenden Vororte, und so kommt es, dass Afroamerikaner heute 85 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt ausmachen. 250 000 Menschen leben unter der Armutsgrenze. Entsprechend hoch ist die Kriminalitätsrate – 2011 gab es hier 344 Morde.

Brunners Hockey-Weltreise

Aber ist die Stadt so schlimm wie ihr Ruf? Nein. Es gibt auch das andere Detroit. Wer es sehen will, muss nach Downtown fahren. Auch in der Stadtmitte gibt es Ruinen und verlassene Häuser, aber man kann hier Zeuge davon werden, wie sich eine Stadt neu erfindet. Es ist der ewige Zyklus: Wo es in urbanen Gegenden günstigen Wohnraum gibt (man kann in Detroit für 15 000 Dollar ein Haus kaufen), sind innovative Menschen, welche dem Stadtteil neues Leben einhauchen, nicht weit. Und so gilt es heute als trendy, in der Downtown zu wohnen. Die Casinos dort sind voll, das Geld sitzt locker, der Glaube an den amerikanischen Traum intakt.

Downtown, das ist auch dort, wo sich der neue Arbeitsplatz von Damien Brunner (26) befindet. Und das ist durchaus bemerkenswert. 2005 hatte Brunner noch für Winterthur in der 1. Liga gespielt. Winterthur–Detroit, das sind 6800 Flugkilometer, hockeytechnisch ist es aber eine ganze Weltreise.

Es ist Donnerstagmorgen um halb elf, als Brunner das Eis in der Joe-Louis-Arena betritt. Es ist das erste offizielle Training der Red Wings in ihrer Heimstätte in dieser Saison. Den ersten Teil der sehr kurzen Vorbereitung hatte das Team im 70 Kilometer entfernten Plymouth bestritten. Als die Red Wings dort am Dienstagabend ihr erstes Trainingsspiel bestritten, kamen 4000 Zuschauer, etliche Fans mussten abgewiesen werden.

Die NHL-Saison beginnt ja bloss deshalb so spät, weil sich Millionäre und Milliardäre während Monaten um Geld gestritten haben. Man würde erwarten, dass so etwas in Michigan nicht gut ankommt in Zeiten wie diesen. Aber Fan Martin Reynolds (48), der an diesem kühlen Vormittag in der Hockey-Arena beim Training zusieht, zuckt bloss mit den Schultern und sagt: «Ich bin einfach nur froh, dass es endlich losgeht.»

Diesbezüglich kann Brunner sich anschliessen. Nachdem er zwei Jahre hintereinander die NLA nach Belieben dominierte, brauchte er eine neue Herausforderung.

Als ihm im letzten Mai an der WM in Helsinki das Interesse der Red Wings an seiner Person überliefert wurde, war seine erste Reaktion: Erstaunen. «Ich dachte: ‹Was wollen die von mir?›», sagt Brunner heute.

Dazjuk als Jugend-Idol

Er sitzt in der pompösen Garderobe im Bauch der Joe-Louis-Arena, neben ihm befindet sich der Platz des Russen Pawel Dazjuk (34), eines der bedeutendsten Eishockey-Profis der Neuzeit und für Brunner ein Jugend-Idol.

Mit Dazjuk und dem neuen Captain Henrik Zetterberg (32), mit welchem er bereits in Zug glänzend harmonierte, soll Brunner ab morgen den ersten Sturm bilden. Er sagt: «Manchmal ist es für mich schwer zu realisieren, was hier geschieht. Ich geniesse einfach jeden Moment.» Die Gefahr, dass er sich verkrampft, besteht nicht. Den Flügelstürmer umweht seit jeher die Aura einer Unbeschwertheit und Leichtigkeit, dank der er es weit gebracht hat – auch wenn Nörgler ihm diese Charaktereigenschaften gerne (und zu Unrecht) als Arroganz auslegen.

Die Geste von Trainer Babcock

Ob ihm der Durchbruch gelingt? Die Chancen stehen ausgezeichnet. Der strenge Trainer Mike Babcock (49) hält derart grosse Stücke auf Brunner, dass er ihn zum ersten Trainingscamp im September eigenhändig vom Flughafen abholte. In Nordamerika, wo 4-Augen-Gespräche mit dem Coach grundsätzlich Seltenheitswert besitzen, ist das eine grosse Geste.

Geht es nach Babcock, welcher Kanada 2008 zu olympischem Gold coachte, steht es ausser Frage, dass Brunner sich durchsetzt. Normalerweise ist es in der NHL Usus, dass sich Neuankömmlinge über Monate in der Liga beweisen müssen, bevor sie vom Hotel in eine Wohnung einquartiert werden. Brunner erhielt den entsprechenden Bescheid bereits gestern.

Es ist die Symbolik, die zählt, denn ob er nun im Hotelzimmer oder in einem Luxusloft logiert, ist Brunner egal. Es ist ihm fremd, Bestätigung in Statussymbolen wie schnellen Autos oder teuren Uhren zu suchen. Über seine Finanzen – er verdient in Detroit 925 000 Dollar pro Jahr – wacht Mutter Karin als Buchhalterin. Er sagt: «Geld hat mich nie interessiert, ich spiele Eishockey, weil ich diesen Sport liebe.»

Auf seine NHL-Karriere hat er lange hingearbeitet, viele haben ihn ausgelacht, aber heute Abend um 23 Uhr Schweizer Zeit wird Brunner zum Saisonauftaktspiel nach St. Louis fliegen. Es ist die Vollendung des amerikanischen Traums – made in Switzerland.

NHL. Die Spiele vom Samstag: St. Louis - Detroit, Philadelphia - Pittsburgh, Winnipeg - Ottawa, Los Angeles - Chicago, Boston - New York Rangers, Montreal - Toronto, New York Islanders - New Jersey, Tampa - Washington, Florida - Carolina, Nashville - Columbus, Dallas - Phoenix, Minnesota - Colorado, Vancouver - Anaheim.

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