Mark Soskin Quartet: Weltklasse-Auftritt in der Chollerhalle

ZUG ⋅ Das Mark Soskin Quartet bot am Mittwoch in der Chollerhalle guten alten Jazz. Die Performance rund um den Zuger Roberto Bossard und den US-Amerikaner Marc Soskin war furios.
12. Oktober 2017, 19:38

Eine glückliche Fügung war es, als der Schweizer Schlagzeuger Elmar Frey und der amerikanische Pianist Mark Soskin sich bei einer Jamsession vor etwa zwei Dekaden in Zürich trafen. Aus dem kurzen Zusammenspiel 1998 ist inzwischen eine langjährige, musikalische Zusammenarbeit und Freundschaft entstanden. Mit dem Gitarristen Roberto Bossard und einem passenden Kontrabassspieler gründeten sie später das Mark Soskin Quartet. So will es die Legende, so steht es geschrieben. Damit Legenden der Jazzmusik aber nicht einfach in der Versenkung verschwinden, braucht es Auftritte. Nun hat es die Jazzmusik in unseren Tagen etwas schwerer als auch schon, und daher muss eine Jazzband musikalisch vor allem auch live überzeugen können.

Im Fall des Mark Soskin Quartet ist dies den Musikern am Mittwochabend in der Chollerhalle absolut gelungen. Allein das Setting im Foyer der Chollerhalle erinnerte daran, woher die Musik kommt: Es herrschte eine angenehm lockere Atmosphäre, das übliche, eher steife Kulturpublikum zeigte sich an diesem Abend nicht. Es haben am Konzertabend eigentlich nur noch dicke Rauchschwaden von Zigarren gefehlt, um den Eindruck zu vermitteln, man sei irgendwo in einem Jazzlokal einer trendigen Destination im Ausland irgendwann in den 1930er-Jahren. International war am Konzertabend nicht nur die gespielte Musik, sondern auch die Zusammensetzung: Eine US-Europa-Formation, die sich eines interkontinentalen Repertoires bediente. Da wurden einerseits viele Eigenkompositionen gespielt, aber auch bekannte Stücke von Jazzlegenden wie George Gershwin.

Die Musik steht im Vordergrund

Der Namensgeber des Quartetts, Mark Soskin, spielte bisher in seiner langen Karriere mit so ziemlich jedem Musiker von Rang und Namen, und daher überraschte es am Konzertabend wenig, über wie viel Routine der 64-jährige US-Amerikaner verfügt. Seine Soli am Klavier waren umwerfend und atemberaubend. Das realisierte auch das Publikum: Anfänglich noch etwas verhalten, gab es schon bald Zwischenapplaus nach besonders fulminanten Passagen und Soli.

Die grosse Kunst eines Quartetts ist unter anderem, die Balance zwischen «Star» – also Hauptakteur – und den Mitmusikern zu finden. Vor diesem Problem standen die vier Männer am Mittwochabend nicht, denn jeder liess dem anderen genügend Raum, um sich und sein jeweiliges Instrument inszenieren zu können. Beim Mark Soskin Quartet setzten sich nie die einzelnen Musiker in Szene – jedenfalls nicht direkt –, denn dies geschah praktisch ausschliesslich über das jeweilige Instrument. Diese Zurückhaltung war ungewohnt wohltuend: Selten stehen nämlich bei dieser Art Konzerte effektiv die Instrumente im Vordergrund. Andererseits war es passagenweise auch fast etwas zu viel Zurückhaltung, etwas mehr «Show» wäre durchaus dringelegen.

Ein Lokalmatador, der überzeugt

An der Gitarre als heimlicher und heimischer Star Roberto Bossard, er hatte die Zuschauer bereits ab dem ersten Gitarrenton im Sack. Man kennt Bossard bereits von diversen anderen Musikprojekten und weiss, was er kann und dass er es kann. Den Beweis blieb er am Konzertabend nicht lange schuldig, sein Gitarrenspiel war derart leicht und präzise, dass der Zuger bereits nach dem ersten Stück tosenden Applaus erhielt. So richtig stimmig wurde es, als Bossard seine erste Eigenkomposition spielte, und hier wurde es besonders spannend: Die Zuschauer hatten dadurch den direkten Vergleich zwischen «Werk von internationalem Star» und «Komposition Roberto Bossard» und so ziemlich alle durften feststellen, dass die Qualität der eigenen Stücke absolut mit den grossen Werken des Jazz mithalten konnte.

Apropos Jazz: Die gespielte Musik liess sich nicht wirklich in ein Subgenre einordnen. Klar lief das Konzert unter dem Begriff «Jazz». Aber es wurde den ganzen Abend über mit den verschiedenen Stilrichtungen gespielt, denn da war nicht einfach nur «der Jazz»: Es kam zu Jazz-Fusion mit klaren Free-Jazz-­Elementen und durch die neuen Arrangements bekannter Stücke gelang es dem Quartett, völlig neue Hörwelten zu kreieren.

Soskin als Namensgeber, Bossard als Lokalmatador: Die Combo wäre nicht komplett ohne Schlagzeug und Bass. Elmar Frey überzeugte als Schlagzeuger durchs Band weg und faszinierte mit einem unglaublichen Rhythmusgefühl. Seine Soli liessen das zahlreich erschienene Publikum – welches sich aus allen ­Altersgruppen zusammensetzte – zu wahren Begeisterungsstürmen hinreissen und der Franzose Gildas Boclé schaffte es ebenfalls, mit seiner eher stillen Art der Musik und seinem Kontrabass viel Raum zu geben für das, was am Mittwochabend wirklich wichtig war: richtig guter Jazz.

 

Haymo Empl

redaktion@zugerzeitung.ch


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