Zuger Immigranten kommen in Sonderausstellung zu Wort

ZUG ⋅ Von den Tausenden, die Zug in den letzten 200 Jahren verlassen haben oder hier eingewandert sind, erzählen rund 100 ihre Geschichte in der neuen Sonderausstellung des Museums Burg.
21. November 2017, 07:25

Wer an Migration denkt, dem kommt sofort die Flüchtlingskrise in den Sinn. Doch wie die neue Ausstellung in der Burg zeigt, ist das Thema zwar hochaktuell, aber nicht neu, weil es immer schon Wanderbewegungen gegeben hat. Nicht nur wegen Ötzi. Im Kanton Zug hat ein Viertel der Bevölkerung einen ausländischen Pass und ein Drittel einen Migrationshintergrund.

Ja, wann ist man eigentlich ein Zuger? Und wer fühlt sich als Zuger – und warum nicht? Wie vielfältig das Thema ist, wird deutlich, wenn man sich in der Ausstellung auf die verschiedenen Schicksale von Zuger Ein- und Auswanderern einlässt.

Im Zentrum steht die Zeit von 1800 bis heute. Besonders positiv ist hier, dass die Betroffenen selbst im Fokus stehen: Ihre Geschichten vom Auswandern, Ankommen und dem oft schwierigen Einleben am neuen Ort werden auf spannende Art vermittelt. Dies mit kurzen Biografien, Erinnerungsstücken, Kleidern, Fotos, Filmen und Briefen.

Spannende Schicksale

Am neuen Ort warteten eine fremde Sprache und Kultur, neue Arbeit, und das soziale Umfeld veränderte sich. Das haben die fünf Schlüsselpersonen erlebt, von denen im Untergeschoss an mehreren Stationen berichtet wird. Es sind sehr persönliche Geschichten von teils weltweiten Reisen, von Armut, Liebe, Hoffnung, Flucht und Abenteuerlust. Exemplarisch wird die Auswanderungsgeschichte des Walchwilers Josef Hediger erzählt, der 1929 nach Amerika auswanderte. Vom Zuger Offizier Oscar Henggeler wird mit historischen Fotos berichtet, dass er 1836 in Sumatra eine Plantagenfabrik aufbaute. Ein Film dokumentiert die Reise einer Hünenberger Familie 1969 mit einem Auswandererschiff nach Australien. Wie Kurator Christoph Tschanz weiss, wanderte sie später nach Afrika aus. Unterwegs waren früher auch Handwerksgesellen wie Anton Hess, der 1819 loszog und in drei Jahren zu Fuss halb Europa durchquerte. Sehr interessant für Zug sind die Fotos aus der ehemaligen «Inducta» der Landis & Gyr an der Baarerstrasse 113, wo junge Mädchen aus Italien in der Elektroindustrie tätig waren. Diese lebten – ohne Privatsphäre – in Sechserzimmern in einem von Nonnen geführten katholischen Mädchenheim. Viele Bilder stammen aus den Fotoalben früherer Bewohnerinnen.

Projekt mit Pioniercharakter

Diese Beispiele stellen nur eine kleine Auswahl dar. Wie Marco Sigg, Direktor des Museums Burg betont, habe dieses Projekt Pioniercharakter. «Es ist ein Riesenthema. Darum war dem Team die Partizipation wichtig.» Es arbeitete mit diversen Ein- und Auswanderern, Künstlern, Institutionen, Vereinen und Privatleuten zusammen. Nach dem Aufruf an die Bevölkerung vor einem Jahr, historische Zeugnisse von Ausgewanderten zur Verfügung zu stellen, hätten sich rund 50 Personen gemeldet, die bereit waren, ihre eigene Migrationsgeschichte oder die ihrer Vorfahren zu erzählen. In mehrmonatigen Workshops seien mit Menschen aus Bosnien, Spanien, Finnland und der Türkei die Inhalte für die Ausstellung erarbeitet worden. Und Teilnehmer eines Deutschkurses hätten sich mit den Chancen und Herausforderungen des Sprachgebrauchs im Alltag befasst.

Zusätzlich wird die Ausstellung durch ein Rahmenprogramm (Box) und eine künstlerische Perspektive ergänzt. Sigg: «Von den Künstlern kamen überraschende und eindrückliche Bezüge zur Migrationsthematik. Sie ermöglichen unerwartete Einsichten.»

Monika Wegmann

redaktion@zugerzeitung.ch

Hinweis

Die Sonderausstellung «Anders. Wo. Zuger Aus- und Einwanderungsgeschichten» im Museum Burg Zug läuft vom 23. November (ab 15 Uhr) bis 8. Juli 2018. Die Öffnungszeiten: Di–Sa, 14–17 Uhr, So, 10–17 Uhr: www.burgzug.ch


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