«Dolfi Müller ist ein Pionier»

INNOVATION ⋅ Wie die digitale Revolution das Finanzwesen verändert, will Filmemacher Manuel Stagars in seinen aktuellen Projekten zeigen. Auch in Zug hat er Interviews geführt. Dort wird gross gedacht, sagt er.
14. Januar 2017, 21:13

Interview: Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

 

Manuel Stagars war von Anfang an dabei: Ursprünglich studierte der heute 42-Jährige Medizin, brach sein Studium ab, nur um Mitte der 1990er-Jahre in die boomende Internetbranche einzusteigen und dort ein Start-up im Bereich der digitalen Medien aufzubauen. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA und in Japan studierte er in London Wirtschaftswissenschaften. Dort hat er heute seinen Hauptwohnsitz. In den letzten Jahren hat er unter anderem Bücher zum Unternehmertum und Fintech (Infobox) geschrieben. Doch für seine aktuellen Projekte schreibt er nicht, sondern filmt. Dafür hat Stagars unter anderem den Zuger Stadtpräsidenten Dolfi Müller getroffen.

Manuel Stagars, an welchen Projekten arbeiten Sie in letzter Zeit?

Im Herbst 2016 habe ich den Dokumentarfilm «Fintech Made In Switzerland» fertiggestellt. Ich habe Unternehmer, Experten und Investoren aus dem Finanzbereich befragt, wie sie die Entwicklung zur Digitalisierung von Finanzdienstleistungen erleben, vor welche Herausforderungen sie diese stellt und welche Chancen sie darin erkennen. Darunter sind auch einige Akteure aus dem Kanton Zug wie Michael Borter von der Crowdfunding-Plattform Cashare oder Niklas Nikolajsen von Bitcoin Suisse. Der Film ist online abrufbar. Für meinen aktuellen Dokumentarfilm «The Blockchain And Us» rede ich ganz konkret mit Pionieren des digitalen Bezahlens. Dazu gehört auch der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller. Auf der Stadtverwaltung wird die digitale Währung Bitcoin bereits akzeptiert. Ich werde mich aber noch mit anderen Akteuren aus der Schweiz, aus England und Amerika über das Thema unterhalten. Die ersten Interviews aus diesem Projekt stelle ich ab heute Sonntag nach und nach auf meine Homepage.

 

Fintech ist ein Überbegriff, aber Blockchain ein eher spezifisches Thema. Was interessiert Sie so daran?

Was Blockchain visionär macht, ist, dass das Kassenbuch nicht zentral geführt wird, sondern vom Netzwerk von allen Computern der Nutzer. Dies verhindert, dass ein Eintrag nachträglich verändert wird. Deshalb sind Systeme, die auf Blockchain basieren, manipulationssicher. Ein grosser Fortschritt also.

Sie interviewen Gründer von Start-ups in England und den USA und nennen Dolfi Müller trotzdem einen Pionier?

Natürlich. Alle Akteure, mit denen ich bisher in der Schweiz im Rahmen meiner Projekte gesprochen habe, haben eins gemeinsam: Sie fürchten sich nicht vor den Herausforderungen der Digitalisierung, sondern sind optimistisch. Dolfi Müller ist einer davon. Er sagt, dass er neue Entwicklungen lieber annehmen und vorbereitet sein will, als davon überrascht zu werden. Er denkt in dieser Hinsicht sehr unternehmerisch. Es geht deshalb nicht darum, wie viele Personen aktuell in Zug wirklich schon Bitcoins benutzen, sondern darum, dass man sich der Entwicklung gegenüber öffnet und sie mitprägen will. Dass ein Stadtpräsident so klare Aussagen zu diesem Thema macht, ist in anderen Ländern unvorstellbar. So wie Müller denken auch die Start-ups in Zug, sie denken gross. Dafür bietet das globale Dorf Zug beste Voraussetzungen. Im Gegensatz zu anderen Standorten wird im Kanton Zug auch schon seit Jahren steuerlich eine für Start-ups freundliche Politik gemacht.

 

Was macht Zug für Start-ups nebst den Steuern attraktiv?

In der Schweiz wird in der Start-up-Szene viel zusammengearbeitet, während in anderen Ländern eher der Konfrontationskurs an der Tagesordnung ist. In China oder in den USA etwa heisst, ein Start-up zu gründen, an einem engen, geschäftigen Arbeitsplatz zu arbeiten, oft mit viel Stress und wenig Lebensqualität. Es ist dort fast unvereinbar, ein Start-up aufzubauen und gleichzeitig eine Familie zu gründen. Gerade in Zug aber herrschen Lebensqualität und trotzdem wirtschaftlich ideale Rahmenbedingungen. Wenn ich beispielsweise jemandem aus China Bilder von den Start-up-Standorten in Zug zeige, fragt der mich, ob das Ferienbilder seien. Doch heutzutage ist es gar nicht mehr nötig, dass für eine gute Vernetzung möglichst viele Start-ups auf engstem Raum arbeiten müssen.

Wieso nicht?

Durch das Internet läuft die Vernetzung digital ab. Wenn gute Rahmenbedingungen bestehen, können deswegen auch an kleineren Orten erfolgreiche Technologie-Cluster entstehen, wie beispielsweise in Zug.

 

Und Sie selbst wirken auch noch in der Start-up-Szene mit, oder berichten Sie nur noch darüber?

Die Interviews, die fürs Blockchain-Projekt entstehen, führe ich auf Englisch, da sie auch als Informationsquelle für mein internationales Netzwerk, zu dem viele Start-ups gehören, gedacht sind. Die Filmprojekte an sich aber sind für mich gewissermassen ein Start-up. Ich muss flexibel und unternehmerisch denken, denn die Filme kosten Geld und brauchen Startkapital. Bisher habe ich das Thema Fintech in Buchform abgehandelt, das war aber eher theoretisch. Mit den Dokumentarfilmen ist es mein Ziel, die Emotionen der Akteure stärker abzubilden – beispielsweise Dolfi Müller, dem man die Freude an der Innovation sichtlich anmerkt. Deshalb habe ich mich entschieden, den Film als Mittel zu wählen, da die Begeisterung der Interviewpartner so noch intensiver rüberkommt. Aus meinen Filmen zu Fintech und Blockchain soll dann ein grösseres Projekt über die Chancen der Digitalisierung an sich entstehen. Aber ich arbeite ausserhalb vom Filmprojekt auch noch selbst an einem Start-up im Bereich Internet mit.

 

Viele Leute spüren, dass sich etwas verändert, wissen aber noch nicht, wohin die Digitalisierung führt. Was kann man erwarten?

In 20 Jahren wird uns niemand mehr einen Kaffee servieren. Das läuft dann alles automatisiert. Es gibt heute schon Roboter, die auch einfache Arbeiten verrichten können, wie Obst pflücken. Bisher war es sehr schwer, so etwas zu programmieren, da es keine statische Bewegung ist, doch mit Hilfe von Sensoren geht selbst das jetzt. Einige Interviewpartner sagen mir, dass durch Software und Robotik so viele Arbeitsstellen automatisiert werden, dass in 20 Jahren in einigen Ländern mit einer Arbeitslosigkeit von 50 Prozent zu rechnen ist. Die Lösung heisst für mich nicht Mensch oder Maschine, sondern eben beides zusammen. Wir als Menschen müssen deshalb lernen, mit der technischen Entwicklung umzugehen.

Hinweis: Infos zum Projekt: www.blockchain-documentary.com

Video: "The Blockchain and Us": Interview mit Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller

Filmemacher Manuel Stagars zeigt in seinen aktuellen Dokumentarfilmen, wie die digitale Revolution das Finanzwesen verändert. Dafür führte er auch ein Interview mit Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller. (Youtube/Manuel Stagars, 14. Januar 2017)




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