Der Erfolg der «Alpentöne» hat einen Haken

ALTDORF ⋅ «Alpentöne» ist seinem Ruf eines abwechslungsreichen Festivals vollends gerecht geworden. Die neue Festivalleitung wird für die nächste Ausgabe aber auch Herausforderungen zu meistern haben.
21. August 2017, 05:00

Florian Arnold und Markus Zwyssig

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Von der Rockband bis zur Schwyzerörgeli-Grossformation. Von den sanften Klängen in der Kirche St. Martin bis hin zur Wucht eines Blasorchesters, das hochkarätige Solisten unterstützt. Vom international bekannten Künstler bis hin zu jenen, die dies vielleicht in ein paar Jahren werden. «Alpentöne» steht für Abwechslung. Und diesem Ruf wurde das Altdorfer Festival vollends gerecht.

Offenbar sucht dies auch das Publikum. Das Festival wurde von Zuhörern förmlich überrannt. Die Festivalpässe sowie die Tagespässe für Freitag und Samstag waren komplett ausverkauft. Nur am Sonntag gab es noch vereinzelte Tagespässe. Einmal mehr ein grosser Anziehungspunkt war bei strahlendem Sommerwetter der Klangspaziergang im Reussdelta gestern Nachmittag.

Auch musikalisch ging das Festivalprogramm auf. Bereits der Auftakt von «Alpentöne» gelang am Freitag nach Wunsch. Die schrille Stimmkünstlerin Erika Stucky trat mit Countertenor Andreas Scholl, dem Barockorchester La Cetra aus Basel sowie mit FM Einheit von der legendären Punkband Einstürzende Neubauten auf (siehe unsere Zeitung vom Samstag). Das Herbert Pixner Projekt spielte anschliessend ebenfalls vor vollem Haus. Eindrücklich gelang am Samstag der Auftritt des «Alpentöne»-Blasorchesters. Johannes Rühl, musikalischer Leiter des Festivals, hatte es vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Für die fünfte Produktion schrieb nun der irisch-schweizerische Komponist und Pianist John Wolf Brennan eine einstündige Komposition.

Philipp Gisler und Michel Truniger konnten zahlreiche mehrheitlich in Uri lebende Musiker für das Festivalorchester begeistern. Brennan seinerseits gelang es, namhafte Solisten zu gewinnen: Arkady Shilkloper zeigte mit seinem Spiel, das er zu Recht als einer der besten Alphornspieler gilt. Christian Zehnder überraschte und faszinierte mit seinem Obertongesang und seiner wandlungsfähigen Stimme. Mit dabei war mit dem irisch-schweizerischen Gitarristen Christy Doran ein Urgestein des Schweizer Jazz. Für folkige Klänge sorgten Studierende der Irish World Academy of Music and Dance in Limerick.

Rühl lobt die ganz grosse Leistung auf hohem Niveau

Johannes Rühl zählt den Auftritt des «Alpentöne»-Blasorchesters zu den Höhepunkten des Festivals. «Die Musiker aus Uri zeigten auf einem hohen Niveau eine ganz grosse Leistung», sagt er erfreut. Und auch sonst ist er zufrieden. «Die zehnte Ausgabe von ‹Alpentöne› war für mich eine der gelungensten», so Rühl, der nicht nur die Qualität der Konzerte herausstreicht. «Die Zuhörer waren durchs Band sehr konzentriert. Das hätten ihm auch die Musiker immer wieder bestätigt. Für Gesamtleiter Hansjörg Felber war das vergangene Wochenende «ein Wechselbad der Gefühle». Nicht nur die Besucherzahlen waren ausgezeichnet, sondern er habe auch sehr viele positive Rückmeldungen erhalten, was die Qualität der Konzerte betreffe. «Die grosse Nachfrage freut uns natürlich sehr», so Felber. Doch sie brachte auch Probleme mit sich. «Bis anhin hat sich die Masse an Zuschauern besser auf die verschiedenen Konzertorte verteilt», so Felber. «Diesmal wurden die Tages- und Festivalpässe aber intensiver genutzt, sodass wir räumlich an den Anschlag kamen.» Zwar waren durch den Wechsel vom Schlüssel-Saal in den Winkel rund 100 Plätze mehr vorhanden. Doch das reichte nicht. Und sogar das Theater Uri war teilweise zu klein. «Wir mussten auch hier einzelne Besucher abweisen. Das war neu für uns», so Felber. «Das hat natürlich nicht für Freude gesorgt.»

Zusatzaufwand entstand für die Festivalleitung auch durch Radio und Fernsehen, welche die «Alpentöne» eng begleiteten. Zusätzliche Absprachen auf allen Ebenen seien nötig gewesen. «Aber es macht uns natürlich auch stolz, dass dem Festival eine derartige Aufmerksamkeit entgegengebracht wird», so Felber. Es zeuge davon, dass «Alpentöne» kein «Wurst- und Brotfestival» sei, sondern seinen Stellenwert in der Schweizer Kulturszene erhalten habe.

Das «Alpentöne»-Festival ist Felber ans Herz gewachsen

«In ruhigeren Momenten kamen auch gewisse Wehmutsgedanken hoch», sagt Felber. Denn nach zehn Ausgaben des Festivals gibt er die Leitung ab. «Ich bin erleichtert, dass ich die Verantwortung künftig nicht mehr tragen muss. Auf der andere Seite nehme ich Abschied von einem Festival, das mir ans Herz gewachsen ist.» Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Team werde ihm fehlen.

«Die Basis ist vorhanden, das Image stimmt. Aber es wird auch in Zukunft eine Herausforderung sein, das Festival finanzieren zu können», weiss Felber. Ein gutes Gefühl gibt ihm der neue Leiter der «Alpentöne», Pius Knüsel. Damit geht das Festival in die Hände eines Nicht-Urners über. Doch Felber beruhigt: «Pius Knüsel ist ein Fan von Uri.» Der gut vernetzte Kulturmanager kenne den Kanton sehr gut und habe sich auch eine zweite Bleibe auf den Eggbergen aufgebaut. «Vermutlich nicht zuletzt wegen der ‹Alpentöne› hat er Uri lieben gelernt», glaubt der Gesamtleiter.

Was bei den kommenden «Alpen­töne»-Festivals zu sehen und zu hören sein wird, ist noch offen. «Im Vordergrund steht nun der personelle Wechsel von Gesamtleiter Hansjörg Felber zu Pius Knüsel», sagt Rühl. Der ehemalige Chef von Pro Helvetia und heutige Direktor der Volkshochschule Zürich hat selber schon Festivals programmiert. Angst davor, dass man ihm bei der Zusammenstellung des Festivalprogramms in Zukunft mehr dreinredet, hat Rühl aber nicht. «Pius Knüsel und ich, wir kennen uns schon sehr lange und verstehen uns sehr gut.»

Hansjörg Felber blickt auf 20 Jahre als Festivalleiter zurück. «Über all die Jahre konnte ich viele gute Beziehungen aufbauen.» Eine Begegnung von 2003 ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. «Als ich gelesen habe, wer bei der Jazzoper ‹Turner in Uri› Schlagzeug spielt, bin ich fast vom Stuhl gefallen.» Es war Jon Hiseman, der Leader von Colosseum, einer der Lieblingsbands von Felber. Am Festival schliesslich gestand er, welch grosser Fan er sei. Hiseman liess kurzerhand dem Festivalleiter von London per Express eine Exklusiv-DVD zukommen.

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Vom 18. bis 20. August 2017 findet zum zehnten Mal das Musikfestival Alpentöne in Altdorf statt.


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