Wegen Streichung des textilen Gestaltens: PH befürchtet einen Mehraufwand

KANTONSSCHULEN ⋅ Textiles Gestalten wird an den Luzerner Gymnasien ganz wegfallen, Latein wird nur noch ab der dritten Kanti unterrichtet. Das sorgt für Kritik von mehreren Seiten. Der Bildungsdirektor kontert.
20. November 2017, 07:33

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Die Pädagogische Hochschule Luzern hat wenig Verständnis für das Streichen des Fachs Textiles Gestalten (TG) im Gymnasium. Zur Erinnerung: Der Luzerner Regierungsrat hat die neue Wochenstundentafel verabschiedet. Dabei wird das Fach Latein aus dem Untergymnasium gekippt und das Fach Textiles Gestalten abgeschafft – zu Gunsten der Fächer Deutsch und Naturwissenschaften (Artikel vom 16. November).

«Das Fach Textiles Gestalten hat eigene Ansprüche, die im Bildnerischen und Technischen Gestalten mit den verbleibenden Lektionen nicht abgedeckt werden», sagt Doris Graber Vögelin, Dozentin für Textiles und Technisches Gestalten an der PH Luzern. Im TG werde grundlegendes Wissen zu Werkstoffen, Materialien, Herstellungs- und Verarbeitungstechniken vermittelt sowie Kontexte aufgezeigt. Deshalb biete das Fach Anknüpfungen zu diversen Lehrgängen auf Hochschulstufe. Zudem würden relevante überfachliche Kompetenzen wie Problemlösen und Kreativität gefördert. Die PH-Dozentin findet es auch vor dem Hintergrund des Lehrplans 21 unverständlich, wieso im Untergymnasium der verbindliche Lehrplan für die Sekundarstufe I für den Fachbereich Textiles und Technisches Gestalten ignoriert werde. Die PH habe unter anderem den Auftrag, die Grundausbildung für Lehrpersonen der Volksschule anzubieten. «20 Prozent der Studierenden der Sekstufe I, 80 Prozent der Studierenden der Primarstufe und alle Absolventen der Kindergarten-/Unterstufenausbildung belegen das Fach Textiles Gestalten. 13 Prozent davon haben ein Luzerner Langzeitgymnasium absolviert», führt sie aus. Dass dieser Anteil künftig keine Vorkenntnisse im Textilen Gestalten mehr mitbringt, bereitet ihr Sorge. «Die Studierenden können fehlende Vorkenntnisse privat kaum auffangen.» Diese müssten im Rahmen des Eignungsjahres erworben werden. Dafür müsse die PH für die Fachausbildung TG künftig wohl zusätzliche Mittel aufbringen.

Regierungsrat sieht keine Angleichung an die Sek

Auch die Streichung des Fachs Latein im Untergymnasium stösst auf Kritik. So befürchtet Remo Herbst, Präsident des Verbands Luzerner Mittelschullehrer, dass das Schwerpunktfach Latein künftig kaum mehr gewählt wird und das Fach an der Kantonsschule ausstirbt. Und der Fachschaft Latein missfällt, dass die Wahlmöglichkeit zwischen Latein oder Naturwissenschaften im Untergymnasium künftig fehle, was eine Angleichung an die Sekundarschule bedeute.

Bildungs- und Kulturdirektor Reto Wyss sagt dazu: «Das bedeutet auf keinen Fall eine Angleichung. Das Hauptmerkmal des Langzeitgymnasiums ist der Fachunterricht. Es hebt sich damit von der Sekundarschule ab.» Er ist überzeugt, dass das Langzeitgymnasium auch mit der neuen Wochenstundentafel nicht weniger attraktiv ist als vorher. «Eine breite Ausbildung wird nach wie vor gewährleistet sein.» Zur Kritik, der Unterricht an Gymnasien werde immer kopflastiger, sagt Wyss: «Es gibt weiterhin die Fächer Werken, Hauswirtschaft, Bildnerisches Gestalten, Musik sowie eine Lektion im Labor beim naturwissenschaftlichen Unterricht. Der Eindruck, dass künftig nur der Kopf gefordert ist, stimmt nicht.» Auch die Befürchtung der PH, dass sich das Fehlen des Fachs TG negativ auf überfachliche Kompetenzen wie Kreativität auswirkt, teilt er nicht. «Kreativität sollte man nicht nur im Zusammenhang mit manuellen Fähigkeiten und musischen Fächern betrachten. Kreativität ist auch in der Mathematik gefragt.» Wyss betont, man habe in der Vernehmlassung die Einwände der PH ernst genommen und gemeinsam angeschaut. Wyss rechnet anders als die PH-Dozentin. «Lediglich 5 Prozent aller Studierenden an der PH, die dort das Fach Textiles Gestalten belegen, kommen vom Langzeitgymnasium. Das ist verkraftbar.» Und was die betroffenen Handarbeitslehrpersonen betreffe, spreche man von insgesamt 230 Stellenprozent, verteilt auf acht Lehrpersonen. «Die meisten von ihnen sind in der Lage, auch etwas anderes oder auf einer anderen Stufe zu unterrichten. Wir werden für sie eine Lösung finden.»

Zu den Bedenken im Zusammenhang mit den Vorgaben des Lehrplans 21 sagt Wyss: «Gymnasien müssen zwar die Schnittstellen anpassen, nicht aber den Lehrplan 21 der Volksschule übernehmen.» Zudem verweist er auf viele weitere Kantone, die auf Gymnasialstufe keinen Handarbeitsunterricht anbieten.

Die beschlossenen Änderungen der Wochenstundentafel treten im Schuljahr 2019/20 in Kraft. Eine Zustimmung des Parlaments für die neue Wochenstundentafel braucht es nicht.


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