Ein Luzerner Bauer rechnet vor, wie wenig ihm am Monatsende übrig bleibt

KRIENS ⋅ An der Landwirtschaft verdienen viele gut – Bauern allerdings kaum. Dieses Phänomen kann der Obernauer Bauer Guido Wigger mit vielen Daten belegen. Dabei will er nicht jammern, sondern aufklären.
16. April 2018, 05:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

«Ein wenig Schnaps? Oder lieber Milch?» Rinderbauer Guido Wigger giesst zwei Tassen Filterkaffee aus der Thermoskanne, setzt sich an den Tisch – und ordnet seine Unterlagen: Mäppchen, Notizblock, daneben liegt ein Taschenrechner. Es ist hell und warm in der modern eingerichteten Küche, im schmucken Heimatli «Oberhackenrain» ob Obernau. Regentropfen perlen an der Fensterfront, durch die sich trotzdem noch ganz Kriens überblicken lässt.

Wigger ist ruhig und gefasst, aus dem freundlichen Gesicht blicken blaue, vertrauenswürdige Augen, das karierte Hemd ist sauber in die Hose gestossen. Es scheint ganz so, als ob sich der Krienser Bauer ans mediale Interesse gewöhnt hat. Zuerst waren die Zweifel an publizierten Zahlen, dann ein Telefonat auf die Redaktion – und schon stand ein Journalist der «Bauern Zeitung» vor der Tür. «Inzwischen haben sich noch weitere Titel gemeldet.» Was sie alle interessiert? Wigger ist nicht nur Bauer mit Leib und Seele, sondern auch Datensammler.

Empörung hat Wigger zum Datensammler gemacht

Schon seit jeher habe er Buch geführt über seinen Betrieb, auf dem er seit 2003 im Schnitt 34 Weideland-Bio-Rinder hält. Aber so systematisch Kennzahlen vermerkt wie im vergangenen Jahr hat Wigger zum ersten Mal. Zu diesem Schritt bewogen hat ihn Empörung: Vor über einem Jahr hat ein grosser Schweizer Detailhändler just eine weitere Verschärfung der Ankaufsbedingungen verkündet. «Ein Entrecôte darf neu maximal so und so gross sein, sonst wird massiv weniger bezahlt», erklärt Wigger und spannt zwischen Daumen und Zeigefingern ein imaginäres Fleischstück in die Luft. «Dabei schert sich die Natur keinen Deut um solche Normen.» Da hat ihn die Sammellust gepackt. «Welche Kosten verursachen solche Normierungen für meinen Betrieb?»

Tatsächlich blättert Wigger während des Gesprächs viele Zahlen aus seinem Mäppchen hervor. Wie viel Arbeit ihm seine Rinder jeden Tag bescheren? Im Schnitt 5,7 Stunden. «Wobei die Tage im Winter mit Füttern und Misten ungleich kürzer sind als im Sommer, wenn gezäunt, geheut und gegüllt werden muss.» Wie viel Trinkwasser Wigger für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch benötigt? Rund 110 Liter. «Das entspricht einer zehnminütigen Dusche und somit einem Bruchteil der 15'000 Litern, welche die Produktion gemäss WWF verschlingen soll.» Ein letztes Beispiel gefällig? Um wie viel nehmen Wiggers Rinder pro Tag zu, die ausschliesslich Gras vom Betrieb fressen? 770 Gramm. Dabei würden konventionell gemästete Mast-Munis gerne um das Doppelte pro Tag «aufgepumpt» – mit konsequenter Stallhaltung und Kraftfutter.

Wiggers Datensammlung mag Laien erstaunen, sie erzählt aber auch eine Geschichte, die Bauern und Experten schon längst bekannt ist: In der Landwirtschaft lässt sich kaum Geld verdienen, vor allem in der graslandbasierten (siehe Kasten). «Umsatz und Kosten sind hoch, der Ertrag dagegen verschwindend klein», fasst Wigger knapp zusammen. Denn nach Abzug der Kosten, Gebäude und Maschinen und weiterem bleiben Wigger pro Tag von der Tierhaltung noch zwischen 50 und 60 Franken übrig, Direktzahlungen des Bundes inklusive. Hochgerechnet auf einen Monatslohn im 100-Prozent-Pensum ergibt das im besten Fall etwas mehr als 2500 Franken. «Knapp mehr als der Bauernverband für einfache Tätigkeiten einer unter 18-jährigen Arbeitskraft ohne berufliche Ausbildung vorsieht», führt Wigger aus.

Dabei will er nicht jammern. Erstens habe er mit seiner Werkstatt ein weiteres Standbein, zudem habe er sich «den nach wie vor spannendsten Beruf» selbst ausgesucht. «Zudem stehen auch andere Branchen extrem unter Druck», weiss der Vater von vier Kindern. Mit seinem Engagement wolle er viel mehr die grossen Zusammenhänge illustrieren und so ein realitätsgetreues Bild der Landwirtschaft aufzeigen, «jenseits von idyllischer Werbung und Klischees».

Dass sich Wigger darüber schon viele Gedanken gemacht hat, wird schnell klar: Ein paar Stichworte reichen, ihn gestenreich über Markt und Preis reden zu lassen. Zum einen kritisiert er etwa, dass die Wertschöpfung in der Landwirtschaft oft erst bei der Verarbeitung und im Handel einsetzten. Dort würde «d’Nidle» von der Milch abgeschöpft. «Obschon wir Produzenten in den letzten Jahren viel Geld, Arbeit und Zeit dafür investiert haben, um Leistung, Effizienz und Tierwohl zu steigern.» Dabei seien ihre Produzentenpreise nur wenig gestiegen, öfters noch gleich geblieben oder gar gesunken. «Da braucht es künftig dringend eine Verschiebung der Wertschöpfung zu den Produzenten.»

«Ein Drittel der Lebensmittel landet im Abfall»

Zu den Profiteuren zählt Wigger aber auch den Konsumenten. Denn die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft – auch in der Schweiz – habe zu einem Preiszerfall für Lebensmittel geführt. Diesen würden die Grossverteiler weiter anfachen, die allenthalben mit «Sonderaktionen, Preiskrachern und Mega-Rabatten» lockten, empört sich Wigger. Zudem werde das Angebot immer breiter. «Alles ist jederzeit verfügbar. Oder wer hat im Supermarkt schon je leere Regale gesehen?», fragt Wigger rhetorisch. Liefere der eine nicht, dann springe sofort ein anderer ein, oft auch aus dem Ausland. Das erhöhe den Druck auf die Produzenten ungemein. «Dieses System bedingt die Überproduktion – und nimmt in Kauf, dass ein Drittel der Lebensmittel leider im Abfall landet.»

«Leidtragende dieser Entwicklungen sind letztlich nicht nur die Produzenten, sondern wir alle – und unsere Nachkommen», resümiert Wigger. Denn gegenwärtig würden wir tüchtig am Ast unserer eigenen Ökologie sagen. Daran trage auch die industrielle Landwirtschaft einen hohen Anteil. Dabei müsse sich auch der Konsument seiner Rolle bewusst sein. «Denn er erteilt uns Produzenten den Auftrag. Was in seiner Einkaufstasche landet, wird wieder produziert.» Auch deshalb ist Wigger Biobauer aus Überzeugung. Ein industrieller Betrieb als Alternative zum brotlosen Weideland-Rinderzüchter? Für Wigger kein Thema. Ebenso wenig eine Vergrösserung des Betriebs – auch aus ökonomischen Gründen. «Das ist mit enormen Mehrkosten verbunden: höhere Ausgaben für Maschinen, grössere Infrastrukturkosten», weiss Wigger. Viele seien dem Wachstums-Fieber erlegen und unterschätzten dies.

Zum Abschluss geht es auf einen Betriebsrundgang. Es hat aufgehört zu regnen. Zwei Hasen hoppeln über den Weg, «Gling und Glong». Im Stall riecht es süsslich nach Tierdampf und Heu. Hühner staksen frei zwischen den Rindern umher, die Büschel um Büschel Heu aus dem Futtertrog züngeln. Wigger erklärt erst viel, lässt dann nachdenklich seinen Blick über Rücken seiner Rinder schweifen. «Wie wollen wir mit Tier und Natur umgehen? Welche Landwirtschaft wollen wir?» Das seien letztlich die zentralen Fragen. Und auch wenn Wigger noch guten Mutes ist, fest an eine bessere Zukunft glaubt: Er wird weiterhin fleissig Daten sammeln – und die gegenwärtigen Entwicklungen kritisch hinterfragen.


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