2017 könnte ein Rekordsommer werden

REGION ⋅ Herbstlich, regnerisch und kühl – so werden die ersten Augustwochen in Erinnerung bleiben. Umso überraschender ist, was Meteorologen festgestellt haben.
13. August 2017, 05:00

Interview: Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

2017 scheint das Jahr der Wetterrekorde zu sein. Es vergeht kaum ein Monat, in dem keine vermeldet werden. Im Februar wurden Temperaturrekorde gebrochen, und auch vom März hiess es, er sei so warm gewesen wie noch nie. Der April drohte als zu warm in die Geschichte einzugehen, bis die sommerlichen Temperaturen dann durch Schneefall unterbrochen wurden. Der Juni wiederum war extrem heiss – und im Juli hat es überdurchschnittlich viele ­Gewittertage gegeben. Woher kommt diese Rekordflut? Stephan Bader arbeitet in der Abteilung Klima beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie. Er klärt auf – und zieht eine erste Zwischenbilanz des Sommers 2017 in der Zentralschweiz.

Stephan Bader, täuscht der Eindruck, dass wir einen aussergewöhnlichen Sommer 2017 erlebt haben?

Das wird sich noch zeigen. Das inflationäre Vermelden von Rekorden hat aber primär zwei Ursachen. Zum einen werden Klimatologen und Meteorologen gerne nach Rekorden gefragt, weil das viele Menschen inte­ressiert. Zum anderen hat sich durch die Klimaveränderung die Durchschnittstemperatur um rund ein Grad erhöht. Das bedeutet, dass wir schneller in einem Rekordbereich sind, was die Temperaturen angeht. Im Moment sieht es so aus, als ­würde der Sommer 2017 nach 2003 und 2015 zum drittwärms­ten Sommer seit Messbeginn werden. Das hängt allerdings davon ab, wie sich die Temperaturen in den nächsten drei Wochen entwickeln. Definitiv wissen wir das erst Ende August.

Wie lässt sich der Zentralschweizer Sommer bislang in Zahlen ausdrücken?

In Luzern zum Beispiel war es bisher (Stand 11. August) 1,7 Grad wärmer, als es der Norm entsprechen würde. Im Durchschnitt herrschte also eine Temperatur von 19,9 statt 18,2 Grad. Weiter gab es weniger Niederschlag als im langjährigen Mittel. Dort liegt die Norm über den Sommer bei 452 Litern pro Quadratmeter, es fielen bislang rund 300 Liter.

In der Zentralschweiz haben Gewitter sehr lokal gröbere Schäden verursacht. Zuletzt traf es die Gemeinde Engelberg. Wie kommt es, dass die Gewitter sich auf kleinem Gebiet so extrem entladen?

Das ist ganz klassisch bei Sommergewittern. Es kommt vor, dass in einer Gemeinde durch Niederschlag und Wind grosse Schäden entstehen, während die Nachbargemeinde davon völlig verschont bleibt. Wie lokal Gewitter auftreten, merkt man gut, wenn man mit dem Auto durch eines hindurchfährt. Da fährt man manchmal nur ein paar hundert Meter – und schon ist alles vorbei.

Manche Wetterapps haben im Juli tagelang vor heftigen Gewittern gewarnt, die dann doch nicht kamen. Woher kommt diese Ungenauigkeit?

Lokale Gewitter sind schwer vorherzusagen. Am Vorabend sehen wir vielleicht, welche Region von Gewittern betroffen sein könnte, aber welche Gemeinde dann konkret betroffen sein wird, sehen wir erst kurz vor dem Ereignis.

Bei vielen Apps kann man seine exakte Postleitzahl angeben. Suggeriert das eine zu grosse Genauigkeit?

Die Postleitzahl wird genutzt, um die Höhe des Standorts zu bestimmen. Das dient der Voraussage von Temperaturen. Aber wie viel Niederschlag es in einem Quartier geben wird, lässt sich so nicht prognostizieren, das hängt zu stark von der lokalen Wetterlage ab – zum Beispiel ob ein Gewitter durchzieht oder nicht.

Warum hat es diesen Sommer in der Zentralschweiz überdurchschnittlich oft gewittert?

Es gab etwas mehr Blitzniedergänge als letztes Jahr, und auch die Zahl der Gewittertage liegt über dem Durchschnitt. Vor allem der Juli war gewitterträchtig, weil wir da oft eine Südwestlage hatten. Warmfeuchte Luft strömte vom subtropischen Atlantik oder von Afrika nach Europa und traf hier auf aufgewärmte Böden.

Nicht nur der April wird wegen der rasanten Wetterwechsel in Erinnerung bleiben. Auch der August begann mit Rekordtemperaturen, die letzten Sonntag innerhalb eines Tages um gut 10 Grad zusammengebrochen sind. Wie kommt es zu solchen heftigen Temperaturstürzen?

Das Wetter kommt bei uns generell aus westlicher Richtung. Zu Temperaturumstürzen kommt es, wenn die Windrichtung von Südwest auf Nordwest wechselt. Dabei wird die warmfeuchte Subtropenluft von kaltfeuchter subpolarer Luft verdrängt.

Unser Wetter kommt aus Westen, wo auch die Sonne untergeht. Stimmt es, dass Abendrot gutes Wetter verheisst?

Abendrot entsteht, wenn die Sonne beim Untergehen die Wolken im Osten beleuchtet. Das ist ein Hinweis auf abziehende Wolken. Umgekehrt beleuchtet die Sonne am Morgen die Wolken im Westen, was heisst, dass Wolken auf uns zukommen. Wenn ich aber wissen möchte, wie das Wetter tatsächlich wird, würde ich mich nicht darauf verlassen, sondern auf die Wetterdienste. Deren Prognose geht einiges weiter als der Blick auf den Horizont.

Ist der Sommer jetzt vorbei, oder kehrt er zurück?

Wenn man das wissen möchte, müsste man den lieben Gott fragen. Zuverlässige Prognosen gibt es für die nächsten fünf Tage, ­ die Trendberechnungen reichen zehn Tage in die Zukunft. Klar ist: Wir haben noch immer Sommer, es ist also gut möglich, dass es noch mal richtig warm wird. Letztes Jahr hat das Sommerwetter bis September gehalten.


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