Schuldenberg erdrückt Spielbankendorf

CAMPIONE ⋅ Die italienische Exklave Campione d’Italia am Luganersee ist praktisch bankrott – sie leidet unter dem starken Franken. Jetzt droht gar die Zwangsverwaltung.
20. Juli 2017, 07:56

Gerhard Lob, Campione d’Italia

Die Bürgerversammlung fand im Festsaal der Spielbank statt. Doch von Feststimmung keine Spur. Roberto Salmoiraghi, Gemeindepräsident der italienischen Exklave Campione d’Italia, musste den Anwesenden vor wenigen Tagen schlechte Nachrichten überbringen: «Die Finanzlage unserer ­Gemeinde ist dramatisch.»

Tatsächlich wird Campione, ein kleines Fleckchen Erde am Luganersee mit 2000 Einwohnern, das zu Italien gehört und von der Schweiz umschlossen ist, von einem gewaltigen Schuldenberg erdrückt.

Gewinn in Euro wird Casino zum Verhängnis

30 Millionen Franken fehlen der Gemeindekasse, ganze 106 Millionen Franken der gemeindeeigenen Spielbank, dem Casinò Municipale, das sich in einem gigantischen, von Stararchitekt Mario Botta erbauten Palast befindet. Fast 140 Millionen Schulden lasten somit auf diesem Städtchen, das einst dank der Spielbank eine Milchkuh war und aufgrund eines für Italien astronomischen Pro-Kopf-Einkommens allseits beneidet wurde. Tempi passati. Das Blatt hat sich vollkommen ­gewendet. Die Gemeinde- und Spielbankangestellten haben ihre Juni-Löhne noch nicht erhalten. Und auch in der Schweiz wartet man auf Geld: Allein bei der Stadt Lugano steht Campione mit 1,38 Millionen Franken in der Kreide, Rechnungen der Feuerwehr Melide sind nicht beglichen.

Grund für die desaströse Finanzlage ist die Währungsentwicklung zwischen Euro und Franken in Verbindung mit der Sonderstellung des Ortes. Denn das Casino macht seinen Gewinn in Euro und überwies stets einen festen Betrag an die Stadt, die ihre Bilanzen in Franken ausweist. Doch das Modell ist zusammengebrochen, da die Euro-Einnahmen nicht mehr ausreichen, den Franken-Betrag zu generieren.

Hoffnung auf Finanzspritze aus Italien

In den letzten 10 Jahren ist der Euro-Kurs von 1.65 Franken auf 1.10 Franken zusammengebrochen. Die Löhne müssen auf ­hohem Niveau in Franken aus­bezahlt werden. Trotz eines ansehnlichen Bruttospielertrags der Spielbank in Höhe von 92 Millionen Euro (2016) reicht der Gewinn nicht mehr für alle Aufwendungen aus. Der Arzt Roberto ­Salmoiraghi, der schon früher jahrelang die Geschicke der Gemeinde leitete und auch mal mit der Justiz in Konflikt stand, ist erst seit einem Monat wieder Bürgermeister. Er war der einzige Kandidat, nachdem kein anderer Politiker für das Amt kandidieren wollte. Nun muss er schauen, wie sich die Situation sanieren lässt.

Bereits hat er die Reise zur Hausbank Banca Popolare di Sondrio im Veltlin angetreten, um an neue Kredite zu kommen. Zudem hofft er auf eine Finanzspritze von 7 Millionen Euro aus Rom aus einem Notfonds. «Damit könnten wir erst einmal die nächsten drei bis vier Monate überstehen», so Salmoiraghi. Andernfalls droht eine Zwangsverwaltung.

Gemeindeangestellte akzeptieren Lohnreduktion

Derweil sind die Campionesi bereit, den Gürtel enger zu schnallen. Die grosse Mehrheit der ­Gemeindeangestellten – 98 von 103 – haben akzeptiert, die Löhne um 10 Prozent zu reduzieren; die Spielbankangestellten werden gar 33 Prozent weniger verdienen. Wenigstens äusserlich merkt man nichts von der tiefen Krise: Die Strassen sind geputzt, die Blumentöpfe bepflanzt. Doch das kann die Wahrheit nicht verschleiern: Rien ne va plus.


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