Ein Denkzettel für die Hapimag-Chefs

BAAR ⋅ An der Generalversammlung des Feriendienstleisters meldeten sich die Aktionäre einmal mehr fleissig zu Wort. Zur Überraschung war auch ein altbekannter Aktionärsrechtsvertreter dabei. Hapimag gelobt Besserung und kontert die Kritik mit einem «Google-Mann».
26. April 2017, 08:46

Hapimag bietet seit Jahren an den Generalversammlungen ein Anschauungsbeispiel an gelebter Aktionärsdemokratie. Wie bei kaum einem anderen Unternehmen melden sich jeweils eine Vielzahl an Aktionären zu Wort. Sie verlangen Auskunft vom Verwaltungsrat, stellen Fragen, reklamieren, fordern, lancieren Anträge. Vereinzelt gibt’s auch Lob.

Am Dienstag war es wieder so weit. Rund 361 Aktionäre fanden sich um 10 Uhr morgens in der Baarer Waldmannhalle ein. Sie kamen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, aber auch aus Holland, Luxemburg und Italien. Nach dem offerierten Kaffee mit Gipfeli ging es zur Sache.

Grobgeschätzt gehört die klare Mehrzahl der anwesenden Aktionäre der Ü65-Generation an. Dies entspricht den Zahlen von Hapimag, denn das Durchschnittsalter der 110 000 Aktionäre beträgt 65,1 Jahre, und die rund 20 100 Mitglieder ohne Aktien sind im Schnitt 71,7 Jahre alt. Eine wichtige Zahl dazu: 58 Prozent aller Ferienbuchungen 2016 wurden nicht ausschliesslich von Mitgliedern vorgenommen. Es waren jeweils Gäste in den 60 Ferienanlagen in 16 Ländern dabei, die Ferienrechte von anderen bezogen haben. Das deutet auf das Potenzial hin, über das Hapimag mit traumhaften Resorts in der Toscana, in Marrakesch oder in Florida sowie Städtewohnungen in Berlin und London verfügt. Die traditionellen Hapimag-Aktionäre kauften vor über drei Jahrzehnten ihre Aktien. Wer solche besitzt, erhält statt einer Dividende Ferienrechte. Hinzu kommen eine jährliche Gebühr sowie Nutzungskosten. Langjährige «Hapimager» sind begeistert von diesem System. «Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar. Die Qualität einzigartig», hört man immer wieder.

Happige Vorwürfe vom «Fanclub»

So tönte es einst auch von den Vertretern des HFA (Hapimag Ferienclub für Aktionäre). Der HFA besteht bereits seit 1976, gilt als eigentlicher Fanclub des Baarer Pioniers der «Sharing-Economy» und vereint Aktionäre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seit Jahren gilt der HFA aber auch als schärfster Kritiker und Gegner der Hapimag-Führung. Geschäftsleitung und Verwaltungsrat müssen sich happige Vorwürfe und Kritik von Seiten des HFA gefallen lassen.

Von den über 20 GV-Votanten gehörten viele dem HFA an. Grund zu reklamieren gab unter anderem der Jahresabschluss. So ging 2016 der Umsatz von 193,4 Millionen auf 188,4 Millionen Euro zurück – dies, obwohl die Gästezahl in den Resorts mit 375'000 über dem Vorjahr (365'000) lag. Unter dem Strich blieb ein Gewinn von 0,8 Millionen Euro (Vorjahr: 3 Millionen Euro). Tiefrot endete das Jahr beim Mutterkonzern Hapimag AG, der in Schweizer Franken abrechnet: 17,3 Millionen Franken beträgt der Verlust (Vorjahr 30 Millionen). Verwaltungsratspräsident Giatgen Fontana begründete dies auch mit Währungsdifferenzen: Die türkische Lira und das englische Pfund werteten sich gegenüber dem Schweizer Franken um je 17 Prozent ab. Der hohe Verlust entzieht der Bilanz Substanz. Das Eigenkapital schrumpfte von 321 Millionen auf 300 Millionen Franken.

Durch den Verkauf von Ferienanlagen konnte Schlimmeres in der Hapimag-Rechnung verhindert werden. Vier Resorts wurden in den letzten Jahren veräussert. Bei den Aktionären geben die Verkäufe im französischen Chamonix und im österreichischen Kärnten (Kanzelhöhe) zu reden. Der Vorwurf: Die Liegenschaften wurden unter dem Verkaufswert veräussert. Im Fall Chamonix habe der Käufer die Anlage in 80 Luxuswohnungen umgebaut und erziele durch den Einzelverkauf einen viel höheren Ertrag, als er investierte, so ein Vorwurf. Giatgen Fontana entgegnete, dass der Handel mit Immobilien nicht zum Kerngeschäft der Hapimag gehöre und ein Investor vor Ort ganz andere Möglichkeiten habe.

Die aktuelle Situation bei Hapimag veranlasst einen schweizweit bekannten Aktionärsrechtsvertreter, sich einzumischen: Zur Überraschung der GV trat Hans-Jacob Heitz ans Rednerpult. Heitz ist bekannt als unermüdlicher Kritiker beim Swissair-Debakel. «Hapimag ist ein Sanierungsfall», donnerte der Jurist vom Rednerpult. Es herrsche mangelnde Transparenz, und es erinnere ihn an den Anfang vom Ende der SAir-Group. Heitz drohte schliesslich mit einer Sonderprüfung. Es blieb bei der Drohung.

Giatgen Fontana liess sich ob der scharfen Worte nicht aus der Ruhe bringen. Man arbeite mit aller Kraft an der Sanierung und informiere transparent, entgegnete er. «Im Gegensatz zur Swissair haben wir viele geduldige Aktionäre», sagte Fontana. Hapimag leide zwar marktseitig, könne aber weiterhin eine gute Bilanz vorweisen. «Unser künftiger Erfolg hängt von der Neuerfindung des Geschäftsmodells ab.» In seinem Referat verwies Fontana auf die gesellschaftlichen und technischen Veränderungen. Die heutige Generation setze mehr auf Teilen statt auf Besitzen. Das würden erfolgreiche Konzepte wie Airbnb oder Mobility zeigen. «Für uns ist entscheidend, die Generation der ‹Millennials› auch als Aktionäre zu gewinnen.»

An der GV setzte sich der Verwaltungsrat zwar bei allen Abstimmungen durch, die Aktionäre verpassten ihm aber einen Denkzettel: 39 Prozent sagten Nein zum Jahresabschluss, und keiner der bisherigen Verwaltungsräte erhielt bei der Entlastung mehr als 54 Prozent Ja-Stimmen. Knapp wurde es für Marisabel Spitz mit 52 Prozent Ja-Stimmen. Die langjährige CEO und Verwaltungsrätin gab die operative Führung im letzten November ab und verlässt den VR. Im Streit, wie es hiess. Weitere Auskunft gab es von Hapimag «aus juristischen Gründen keine». Man gehe aber davon aus, dass es zu einer gütlichen Einigung komme, hiess es.

Hoffnung auf neuen CEO und neuen Verwaltungsrat

Um auf die Erfolgsstrasse zurückzukehren und neue Aktionäre zu gewinnen, setzt man bei Hapimag auf zwei neue Namen. Als Nachfolger von Marisabel Spitz ist neu Hassan Kadbi (38) als CEO für das operative Geschäft zuständig. Interessant ist die Wahl von Philipp Ries (43) in den Verwaltungsrat. Der Zürcher ist Manager bei Google und berät beim Internetkonzern «grosse Firmen in der Tourismusbranche», wie er sagte. Die Aktionäre setzen auf ihn: Ries wurde mit 92 Prozent aller Stimmen und Applaus gewählt.

 

Ernst Meier

ernst.meier@luzernerzeitung.ch


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