«Bildung statt Blut und Brüste»

MEDIENWELT ⋅ Matthias Zehnder erklärt, wie die Medien gegen das Internet um Aufmerksamkeit kämpfen. Die Frage stellt sich, was das für das Aufkommen des Populismus und die Propaganda des Terrorismus bedeutet.
07. September 2017, 07:43

Rolf App

Soll man überhaupt über Terroranschläge berichten? Die Frage, in dieser Zeitung nach dem Londoner Attentat vom Leiter Publizistik gestellt und mit einer leeren Seite beantwortet, wird in einer der letzten Ausgabe von der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» aufgegriffen. «Auf dem moralischen Hochsitz in unseren Redaktionsstuben drohen wir zu Aasgeiern des Terrors zu werden», hatte Pascal Hollenstein damals im «St. Galler Tagblatt» und in der «Luzerner Zeitung» geschrieben. Ganz ähnlich formuliert es nun Bastian Berbner in der «Zeit»: «Es ist schmerzhaft zuzugeben, aber wir Journalisten sind die Boten des Terrors.»

Denn, führt er aus: «Das ganze Tun der Terroristen zielt auf mediale Verbreitung ab.» Erst sie macht aus Mördern Terroristen, denn erst sie lässt die Angst in die Köpfe der Menschen sickern. Kein Wunder also, fürchten sich etwa die Amerikaner weit stärker vor Terror als vor Hitzewellen und Autounfällen, obwohl diese beiden wesentlich mehr Menschenleben kosten.

Trägt die Berichterstattung zum Terror bei?

Doch Bastian Berbner geht noch einen Schritt weiter: «Es gäbe weniger Anschläge, weniger Tote, wenn wir Journalisten stiller wären.» Darauf nämlich weisen jene Forschungen hin, die der der Ökonom Michael Jetter vor einigen Wochen im «Journal of Public Economics» zusammengefasst hat. Er hat 61132 Anschläge aus den Jahren 1970 bis 2012 ausgewertet und folgendes festgestellt: Immer wenn über einen Anschlag besonders ausführlich berichtet wurde, sei es in den dar­auffolgenden sieben Tagen zu weiteren Anschlägen gekommen. Das bedeutet, Terror steckt an. Man kennt das Phänomen übrigens vom Suizid. Fachleute haben die Medien deshalb zur Zurückhaltung ermahnt – mit deutlich erkennbarer Wirkung.

Das Problem mit dem Totschweigen

Es gibt freilich ein Problem mit dem Totschweigen. Terroristen haben längst Mittel und Wege gefunden, ihre Botschaften direkt zu verbreiten. Im Internet sind Aufmärsche, Angriffe, Hinrichtungen zu sehen, gefilmt von den Mördern selbst. Das heisst, die Medien sind nicht mehr die einzigen Überbringer der Nachrichten. Können sie sich also dem Sog des Terrors gar nicht entziehen? Sie befinden sich in einer Falle, für die der Medienwissenschafter Matthias Zehnder auch einen Namen hat: «Die Aufmerksamkeitsfalle» hat er sein gerade erschienenes Buch überschrieben, in dem es um ein Phänomen mit ganz ähnlichen Gesetzmässigkeiten geht: dem Populismus.

Während Bastian Berbner sich Gedanken macht darüber, ob und wie Medien dem Terrorismus eine Bühne bereiten, will Zehnder zeigen, «wie die Medien zu Populismus führen» – und zwar auch hier, ohne dass sie es selber wollen.

Wie der Mechanismus funktioniert, zeigt einer besonders vir­tuos: Donald Trump. Schon im Wahlkampf hat er es geschafft, mit wenig Geld ein Höchstmass an Aufmerksamkeit zu finden. Mit einer Doppelstrategie zieht er das als Präsident weiter: Zum ­einen verführt er immer wieder mit verbalen Grenzüberschreitungen die traditionellen Medien, ihm breiten Raum zu widmen. Zum andern nutzt er mit Twitter seinen eigenen Kanal.

Die Strategie funktioniert. Das jüngste Beispiel: Nach Trumps Auslassungen zu den rechtsextremen Demonstrationen in Charlottesville bildete ihn der «Stern» mit zum Hitlergruss erhobenem Arm ab. Zwar meinte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, das sei «geschmacklos und völlig deplatziert», aber die Redaktion hat erreicht, was sie erreichen wollte: Aufmerksamkeit.

Oder, wie es die «Welt» beschreibt: «Mit Trump erzeugen Medien noch immer beziehungsweise immer wieder grosse Aufmerksamkeit. Und Aufmerk­samkeit schafft noch mehr Aufmerksamkeit beziehungsweise Berichterstattung.»

Zwei Teenager wollen die Hand nicht geben

Das Phänomen ist uns nicht fremd. Im April 2016 weigerten sich zwei Teenager in Therwil, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. «Wären die beiden gebürtige Therwiler gewesen oder hätte es sich um Buddhisten gehandelt oder um Extrem-Veganer, hätte es ein Gespräch mit den Eltern und vielleicht einen Samstag Gartenarbeit im Schulhaus gegeben», beschreibt Zehnder den Normalfall. «Aber die beiden Buben waren Muslime. Das versetzte die Medien in den Ausnahmezustand.» Der rasch nationale Ausmasse annahm, nachdem Bundesrätin Simonetta Sommaruga gesagt hatte: «Dass ein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt, das geht nicht.»

Das Ergebnis dieser gemeinschaftlichen Erregung von Politik und Medien beschreibt Matthias Zehnder als «Boulevardpolitik». In Zeiten des Internets und der unablässig übers Smartphone strömenden Meldungen tobe ein verschärfter Kampf um Aufmerksamkeit. Er führe nicht nur zu einer Boulevardisierung der Medien, sondern auf der andern Seite zu einer Boulevardisierung der Politik – die sich dann, siehe Minarett-Initiative, gern mit Nebensächlichkeiten beschäftigt. «Gerade in einer direkten Demokratie wie der Schweiz ist das fatal.»

Doch, das Titelbild des «Stern» zeigt es, die Medien müssen in diesem Kampf immer stärkere Reize setzen – und dabei, weil Aufmerksamkeit eine flüchtige Angelegenheit ist, dennoch stets fürchten, dass das Buhlen um Leser, Zuschauer oder Zuhörer vergeblich sein könnte. Zumal das Internet immer schneller sein wird. «Aus der Aufmerksamkeitsfalle kommen heisst, sich nicht mehr (primär) nach der Aufmerksamkeit richten», meint Zehnder. Das heisse: den Nutzen ins Zentrum stellen. Und dieser Nutzen müsse so gut sein, «dass die Konsumenten bereit sind, dafür zu bezahlen».

«Was gut ist, kostet»

Worin könnte dieser Nutzen bestehen? «Information ohne Sensation», fasst Zehnder zusammen. «Das heisst: Erklärung statt Emotionalisierung, Bildung statt Blut und Brüste.» Den Medienkonsumenten aber rät er: «Verabschieden Sie sich vom Gedanken, dass gute Information gratis ist. Was gut ist, kostet.»

Matthias Zehnder: Die Aufmerksamkeitsfalle – Wie die Medien zu Populismus führen, Zytglogge, 125 S.


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