«Wälle gegen Extremisten bauen»

WOLFGANG NIEDECKEN ⋅ Der Bap-Gründer veröffentlicht mit «Das Familienalbum – Reinrassije Strossekööter» sein fünftes Soloalbum. Ein Gespräch über Kindheit, Familie und weshalb Politrock nerven kann.
22. Oktober 2017, 00:00

Interview: Olaf Neumann

Beim Interview in einem Hotel in Hamburg wirkt der 66-jährige Sänger und Songschreiber deutlich jünger, als er ist. Ausgeschlafen ist er, und wenn es um Themen wie Ungerechtigkeit oder den Rechtsruck in der Gesellschaft geht, kann er sich immer noch in Rage reden. Seit vier Jahrzehnten widersteht Wolfgang Niedecken jeglichen Trends und Moden und schreibt beharrlich Songs im kölschen Dialekt. Das brachte ihm sogar die Aufmerksamkeit von Bob Dylan und Bruce Springsteen ein.

Auf seinem neuen Soloalbum lässt er die Geschichte von seiner Mutter Hubertine und seinem Vater Josef, seiner Tante Netta und seinem Onkel Fritz in leisen Anekdoten und melancholischen Erinnerungen vorüberziehen.

 

Wolfgang Niedecken, wie kam es zu der Soloplatte «Das Familienalbum – Reinrassije Strossekööter»?

Die Idee gab’s seit Dezember 2012 in Woodstock. In den Jahren dazwischen habe ich alte Familienfotos gesichtet und geguckt, welche Songs es von mir dazu gibt. Mein Vater stammt aus einer Winzerfamilie in Unkel am Rhein. Als die Reblaus über Europa herfiel, mussten er und seine Brüder einen neuen Beruf erlernen. Mein Vater ist nach Köln gegangen und machte ein Lebensmittelgeschäft auf, das im Krieg zweimal ausgebombt wurde. Mein Opa mütterlicherseits, Hermann Platz, hat in Köln Kirchen ausgemalt, die ebenfalls zerstört wurden. Zu Hause habe ich noch Laubsägefiguren von ihm und seinen Spazierstock.

Haben Sie von ihm auch Ihr künstlerisches Talent?

Ja, das hat er mir über meine Mutter vererbt. Ich musste als Kind oft unentgeltlich im Laden helfen, aber sie liess mir jede Unterstützung zukommen, um meine Ideen umzusetzen. Sie legte abends immer 20-Mark-Scheine in eine Blechdose, bis ich davon 1968 meine erste Telecaster- Gitarre anbezahlen konnte.

Wie sah Ihr Elternhaus aus?

Als ich 1951 auf die Welt kam, war unser Haus noch nicht renoviert, aber man konnte schon darin wohnen. Eigentlich haben wir in Trümmern gewohnt. Und jetzt sind meine eigenen Kinder schon aus dem Haus. Die Jungs sind in den 30ern und die Mädels in den 20ern. Ohne meine Familie wäre ich ziemlich aufgeschmissen und würde wahrscheinlich zu einem Einzelgänger werden. Aber dank meiner Frau ist meine Familie sehr lebhaft. Mit ihrer Lebensfreude hält sie uns alle bei Laune.

Sie haben auch Songs aus dem Bap-Repertoire neu aufgenommen wie «Bahnhofs­kino». Haben diese Stücke für Sie dadurch eine neue Bedeutung bekommen?

«Bahnhofskino» schrieb ich, als mein erster Sohn unterwegs war. Die letzten vier Zeilen machen erst klar, wieso das Stück auf dem Album gelandet ist. Ich wachte damals nach einer Nacht auf, in der Neonazis vor einem türkischen Lokal randaliert hatten. Meine ersten Gedanken waren: «Um Gottes willen! In was für eine Welt bringen wir dieses Kind eigentlich?» Das Stück endet mit: «Hat das Kind in dir wirklich nur eine Chance, wie sie eine Schneeflocke hätte mitten im August?» Und deswegen ist es auf dem Familienalbum. Ich habe versucht, einen Bogen zu spannen, der alle Aspekte des Familienlebens beinhaltet. Ich wollte ein organisches Album mit Geschichten, die im Fluss bleiben.

Das Album strahlt eine grosse Gelassenheit aus. Entspricht das Ihrem gegenwärtigen Lebensgefühl?

Wir sind alle sehr entspannt. Im Studio ist wirklich keine Sekunde lang Hektik aufgekommen. Es war im übertragenen Sinne wirklich ein Familienalbum. Meine Tochter Isis hat für alle gekocht, und meine Frau hat alles Organisatorische erledigt. Nebenbei hat sie fotografiert, was ja ihr Beruf ist. Die Ruhe und Gemütlichkeit im Studio strahlt das Album aus.

Haben Sie den Anspruch, auf einem bestimmten Niveau zu spielen?

Ich richte mich bei allem nach Kants kategorischem Imperativ. Auf Kindersprache runtergebrochen, heisst er: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Ich versuche immer, mein Optimum zu geben und die Leute nicht zu verarschen. Showbusiness kann ja auch dazu führen. Was meinen Sie, wie viele Schlagersänger Vollplayback-Shows spielen. Die machen die Köln-Arena voll, stellen sich vorne hin und hampeln nur. Und die Omis finden das super. Das ist bitter!

Wie hatten Sie Ihren Kindern erklärt, was Krieg ist?

Die Mädels stellten mir diese Frage tatsächlich, nachdem sie im Fernsehen eine Bombardierung aus dem Irakkrieg gesehen hatten. Sie wollten wissen: «Papa, stimmt es, dass es Menschen gibt, die Bomben auf Häuser schmeissen, in denen Kinder wohnen?» Das ist natürlich eine ganz schlechte Gute-Nacht-Geschichte, und ich sagte, ich würde ihnen das morgen früh erklären. Aber sie liessen nicht locker und meinten, jemand müsse diesen Menschen doch sagen, dass sie das nicht tun sollen. Ich solle das machen, weil ich so viele Leute kenne. Damit war ich beauftragt, dieses Lied zu schreiben.

Welche Vorstellung hatten Sie 1968 von der Zukunft, als Sie Ihre erste Telecaster-Gitarre bekamen?

Ich glaube nicht, dass ich mir zu der Zeit grossartige Gedanken über die Zukunft gemacht habe. Es dauerte auch relativ lange, bis ich begriffen hatte, dass Menschen, die Rockmusik machen, nicht zwangsläufig linksliberal sind. Das musste ich erst begreifen. Aber warum sollen ausgerechnet Musiker die Weisheit mit Löffeln gefressen haben? Wenn ich mir vorstelle, ich müsste meine Songs unter Erdogans Regeln machen, würde ich im Knast sitzen. Wenn wir bestimmte Dinge auf Facebook posten, stürzen sich da sofort rechte Parasiten drauf. Ich will natürlich der AfD keine Plattform bieten, die sollen ihr eigenes Schaufenster zumüllen.

Die AfD ist zur drittstärksten Partei im Bundestag geworden. Wie sollten die anderen Parteien mit ihr umgehen?

Der Umkehrschluss bedeutet, dass die Demokraten jetzt wirklich mal zusammenhalten müssen. Ich brauche keine TV-Debatte zwischen den SPD- und den CDU-Kandidaten, bei der sie sich die Köpfe einschlagen. Ich habe es gerne, wenn man in der Sache hart argumentiert und aufeinander eingeht. Ich möchte, dass die demokratischen Parteien zusammenrücken und gegen die Extremisten Wälle bauen. Ich verstehe, dass es Leute gibt, die sich abgehängt fühlen. Die muss man zurückkriegen – und zwar mit Geduld.

Welche Aufgabe hat die Kunst in schwierigen Zeiten?

Ich kann nicht politischer werden, als ich die ganze Zeit schon war, wenn ich den Leuten nicht auf die Nerven gehen will. Ich versuche, das zu verarbeiten, worüber ich nachdenke. Der nächste Schritt wären Themenalben über Krieg oder Umweltzerstörung. Aber das wäre penetrant. Ich vertone keine Parteitagsbeschlüsse. Ich muss mich immer wieder hinterfragen, ob das schon Politrock ist oder etwas, das mich dermassen umtreibt, dass ich nicht schlafen kann. Politrock à la Floh de Cologne und Ton Steine Scherben war mir immer verdächtig.

Wolfgang Niedecken: Das Familienalbum - Reinrassije Strossekööter, Universal, ab 27. Oktober erhältlich

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