Emil Steinberger zur Kleintheater-Gründung: «Jeder, den ich fragte, riet mir davon ab»

JUBILÄUM ⋅ Das Kleintheater Luzern wurde vor 50 Jahren von Emil Steinberger gegründet. Er erinnert sich an die Anfänge. Das Geld war knapp, die Stars kamen trotzdem. Und «Goldfinger» Gert Fröbe hatte ein haarsträubendes Problem.
13. September 2017, 08:32

Interview: Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Emil Steinberger, warum waren Sie 1967 so erpicht darauf, ein eigenes Theater zu gründen?

Nicht nur einfach ein Theater, sondern ein Kleintheater. Ich war überzeugt, Luzern braucht eine neue Spielstätte für möglichst vielseitige Kleinkunst, vom Cabaret bis zum Boulevardtheater. Das musste einfach sein, die Zeit war reif.

Wie sind Sie dabei vorgegangen? Stand von Beginn an die Lokalität am Bundesplatz im Vordergrund?

Nein, ich habe in ganz Luzern Keller, leerstehende Magazine, Hinterhöfe abgeklappert. Ich war sicher, da musste es etwas geben. Am heutigen Ort des Kleintheaters gab es das Tele-Café. Dort wurden mittels Schwarz-Weiss-Projektor Sendungen des Schweizer Fernsehen gezeigt, etwa Sportübertragungen. Oder es wurde aus der Küche oben im Haus eine Kochinstruktion für Hausfrauen in den Saal übertragen. Aber das Ganze war nicht sehr erfolgreich. Und so konnte ich dann hier das Kleintheater einrichten.

Dann mussten Sie umbauen und hatten sicher enorme Geldmittel dafür zur Verfügung.

(Lacht.) Geld war überhaupt keines da. Ich machte per Post eine Sammlung in der Stadt Luzern, dabei kamen 39000 Franken zusammen. Natürlich profitierte ich davon, dass man mich als Kabarettisten schon kannte. Wir haben dann die Bühne gebaut, einen Vorhang reingezogen. Nach der ersten Vorstellung verkauften wir die Stühle als Andenken an die Zuschauer, um damit Scheinwerfer zu bezahlen. Und so kamen wir langsam voran. Man muss wissen, dass wir praktisch keine öffentlichen Gelder erhielten, das meiste davon floss in die damals übermächtigen Musikfestwochen. Ehrlich gesagt: Jeder, den ich fragte, riet mir von diesem Unterfangen ab. Also habe ich halt niemanden mehr gefragt und es einfach gemacht.

Auffallend ist, wie rasch auch grosse Namen im Kleintheater aufgetreten sind. Wie eine Zarah Leander.

Nun gut, sie war damals schon eher am Ende ihrer Karriere, weit über 80-jährig. Ich hatte einen guten Draht zu ihrem Management, das wiederum Gelegenheiten suchte, um sie auf der Tournee noch etwas besser auszulasten.

Wie ist Ihnen Leanders Auftritt in Erinnerung geblieben?

(Lacht.) Das Publikum musste bezüglich Gesangsqualität schon etwas tolerant sein. Und wir mussten aufpassen, dass sie vor dem Auftritt nicht zu viel Schnaps trank. Aber es war für alle ein Erlebnis, sie mal live zu sehen.

Auch Gert Fröbe ist aufgetreten, der ja spätestens nach dem Bondfilm «Goldfinger», wo er die Titelfigur spielte, ein absoluter Weltstar war.

Ich erinnere mich noch, wie ich ihn beim Bahnhof abholte und wir dann die Bahnhofstrasse hinuntergingen. Die Luzerner kannten mich natürlich und grüssten in unsere Richtung. Gert Fröbe dachte, die Grüsse würden ihm gelten, und war ganz begeistert. Doch als er dann ins Theater kam und den Saal sah, meinte er: «Hier spiele ich nicht.» Als ich ihn entsetzt und ratlos anschaute, fügte er hinzu: «Ich spiele nie mit Balkon.»

Warum denn das?

Das fragte ich ihn auch. Und er sagte: «Weil die Leute, die auf dem Balkon sitzen, nur meine Glatze sehen.» Die Si­tuation war dramatisch, wir hatten drei Abendvorstellungen hintereinander total ausverkauft. Ich nahm ihn dann mit in unser Café, wo all die Bilder von den Künstlern hingen, die vor ihm schon im Kleintheater aufgetreten waren, und redete ihm gut zu. Irgendwann sagte er: «Gut, ich spiele einen Abend. Und wenn es gut läuft, dann mache ich die beiden anderen Abende auch noch.»

Wie ist es herausgekommen?

Als sein Auftritt begann, sass ich mit im Publikum und wie auf Nadeln. Er hub an und rezitierte mit gewaltiger Stimme Morgenstern-Gedichte. Irgendwann plötzlich hörte er auf. Es war totenstill im Saal. Dann fragte er: «Ist Emil hier?» Ich hob die Hand. Und er reckte den Daumen in die Höhe. Dann trat er auch an den folgenden Abenden auf.

Erlebt man solche Stars auch von anderen Seiten, etwa nach der Show?

Tatsächlich war es üblich, dass man mit den Künstlern danach noch essen ging und tolle Gespräche führen konnte. Gert Fröbe war auch hier ein extremes Beispiel. Wir nahmen ihn zu uns nach Hause. Er erzählte und feierte bis morgens um 4 Uhr. Dasselbe am nächsten Tag. Ich wusste, das würde ich nicht nochmals durchstehen, zumal wir ja morgens wieder rausmussten. Da sah ich auf der Strasse einen befreundeten Buchhändler und fragte ihn, ob er Lust habe, Fröbe nach der Vorstellung zu bewirten. Als ich den Freund am nächsten Morgen sah, wirkte er ziemlich groggy.

1977 gaben Sie die Leitung des Theaters ab, weil Sie das Gastspiel beim Circus Knie machen wollten. Gab es noch andere Gründe?

Ich hatte auch die Leitung des Kino Moderne übernommen und war überlastet. Jahrelang hatte ich das Kleintheater zusammen mit meiner damaligen Frau Maya geführt. Wir haben alles gemacht, inklusive Putzen oder nächtliches Plakatekleben bis nach Littau und Reussbühl. Ich bin sogar einmal aus einem WK abgehauen, um beim Hereintragen eines Flügels zu helfen. Was wir getan haben, würde man heute auf fünf, sechs Leute verteilen. Dann fand ich mit Marianne von Allmen eine Nachfolgerin, die sich vorher schon fürs Kleintheater engagiert hatte und mein volles Vertrauen hatte.

Das Kleintheater erlebte dann auch schwierige Zeiten, Geld blieb knapp, einige Male drohte der Konkurs.

Das war so. Verschiedene Künstler, darunter ich selber, haben öfter wochenlang Benefizvorstellungen gespielt, um Schulden zu tilgen. Auch Dimitri, den ich vom Stadttheater abwerben konnte, hat mitgeholfen. Es gab auch Enttäuschungen, etwa als die Stadt Luzern Millionen für ihre 600-Jahr-Feier bereitstellte, aber das Kleintheater weiterhin kaum berücksichtigte. Im Gegenteil wollte man mir, der mit dem Theater nie etwas verdient hatte, die Einnahmen der Abendkasse noch als privates Einkommen besteuern. Als ich mich weigerte, drohte gar ein Prozess. Das war der Moment, als wir das Kleintheater in eine Stiftung überführten.

Blicken wir nochmals auf 1967 zurück, kulturell ja eine bewegte Zeit. Hat Sie das auch beeinflusst?

Man hat die rebellische Atmosphäre schon gespürt. Allerdings war es mir sehr wichtig, mich aus der Politik rauszuhalten, damit das Theater politisch neutral bleibt. So hätte ich auch nie zugelassen, dass irgendeine Partei eine Veranstaltung im Kleintheater gemacht hätte.

Gab es eine Vernetzung mit anderen Kleinkunstbühnen in der Schweiz?

Als ich ein eigenes Theater ins Auge gefasst hatte, fragte ich Roland Rasser um seine Meinung. Er hatte zehn Jahre davor in Basel das Theater Fauteuil gegründet. Er riet mir ab, weil sich das nicht rechne. (Lacht.) Danach hatte ich Verbindungen zur Szene in Basel, in Bern, zum Burgbachkeller in Zug, den es auch schon gab, oder zum Teatro Dimitri. Wir sprachen über mögliche Synergien, etwa bei der Auftrittsplanung von Künstlern. Aus ­diesen Kontakten entstand dann die Kleintheatervereinigung der Schweiz.

Wie sehen Sie das Kleintheater Luzern heute?

Ich muss sagen, dass ich heute nur noch wenig Kontakt habe. Dies ganz bewusst. Denn wenn ich etwas abgebe, tue ich es konsequent und will nicht dreinreden. Aber ich denke, ein Kleintheater bietet immer noch eine einmalige Mischung von Boulevardkomödien, Pantomime, Cabaret, Musik etc. Dazu darf neben den Trouvaillen auch Mehrheitsfähiges gehören. Diese Kombination ist auch für das kommerzielle Überleben wichtig.

Hinweis

Emil Steinberger gastiert noch bis Ende Monat im Theater Fauteuil Basel. Infos auch zu weiteren Terminen: www.emil.ch

  • Seit 1967 ein gewohnter Anblick: begeistertes Publikum im Kleintheater. Der Saal selber hat sich seither baulich kaum gross verändert. (© Stephan Wicki / Stadtarchiv Luzern)
  • Sitzung des ersten Stiftungsrates 1978 im Hotel Belvédère, Hergiswil: links Emil Steinberger und Theaterleiterin Marianne von Allmen, rechts Elsbeth Feurer, Hanspeter Balmer und Armin Beeler, der später von Steinberger das Präsidium übernahm. Er hatte in den 60er-Jahren auch mitgeholfen, die Bühnenfigur Emil zu entwickeln. (© Stadtarchiv Luzern)
  • Ruedi Walter und Margrit Rainer (rechts) im Luzerner Kleintheater (© Stadtarchiv)

Emil Steinberger gründete vor 50 Jahren das Kleintheater, das am 13. September in die neue Saison startet. Wir blicken zurück auf seine Geschichte mit vielen Stars, die hier aufgetreten sind.


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