Heimatklänge für eine offene Welt

FESTIVAL ALPENTÖNE ⋅ Mit je einer Auftragskomposition werden John Wolf Brennan und Peter Schärli am Samstag in Altdorf ihre Alpentöne vorstellen. Es sind zwei unterschiedliche Konzepte. Und darum besonders spannend.
18. August 2017, 05:00

Seit die Luzerner Musiker John Wolf Brennan (Weggis) und Peter Schärli (Schötz/Aarau) um 1980 die Swiss Jazz School in Bern besuchten und auch gemeinsam in einer Band spielten, haben sie sich musikalisch ganz unterschiedlich entwickelt. Brennan spielte ambitionierte Solopiano-Programme ein, arbeitete mit vielen Bands und schrieb noch mehr Auftragswerke in unterschiedlichsten Formaten. Schärli konzentrierte sich primär auf ­seine eigenen langjährigen und auch international erfolgreichen Jazz-Bands. Auch hat er für diverse Theater- und Filmmusikprojekte komponiert.

Jetzt fokussieren sich die zwei auf ein Festival, an dem die näheren und ferneren Alpenklänge im Vordergrund stehen. Brennan realisiert in einer Pro-Helvetia-Auftragskomposition ein vergleichsweise monumentales Werk, an dem seine Formationen Pago Libre und Triangulation, der Sänger Christian Zehnder (ex Stimmhorn) und das Alpentöne-Blasorchester (ABO) beteiligt sind. Vom Gotthard ausgehend, integriert die Komposition «got hard» Volksmusik aus dem Greyerzerland und dem Engadin, variiert 49 Postauto-Dreiklänge und gibt der Improvisation ihren Platz.

Inspiriert vom Leuchtturm auf dem Oberalp

Die Verzahnung dieser verschiedenen Klangkörper ist ein anspruchsvolles Unternehmen, wie Brennan bestätigt. Die engagierten Amateure des Alpentöne-Blasorchesters haben die Partitur schon im April bekommen (Leitung Michel Truniger und Philipp Gisler). «Es herrscht ein sehr guter Groove hier in Altdorf», sagte Brennan über die Endproben. «Es fägt, sowohl von der Organisation her als auch von den vielen jungen Musikern und Musikerinnen. Das wirkt ansteckend.»

Inspirieren liess sich Brennan vom Leuchtturm, der auf dem Oberalp steht und mit dem im Gotthardgebiet entspringenden Rhein eine mystische Verbindung zum Meer herstellt. Also: Nicht nur Enges und Abgeschlossenes prägt das steinerne Herz der Zentralschweiz, sondern auch Verbindendes zur Aussenwelt, Offenheit, Durchlässigkeit. Das soll die Musik widerspiegeln, in der sich unterschiedlichste Klänge zu einem kontrastreichen Programm mischen.

Die gut einstündige Komposition «got hard» gliedert sich in sieben Teile, in denen alle Facetten des blasmusikalischen Klangkörpers zur Geltung kommen und auch die Profis wie Christian Zehnder, die World-Folk-Jazz-Musiker von Pago Libre oder Christy Doran (Gitarre) und Patrice Héral (Perkussion) gebührend in Erscheinung treten. Im ­finalen Teil der Komposition wächst das Tutti zur vollen Pracht, wobei jeder einzelne Musiker mit einem Solo zu hören ist.

«Ich bin eigentlich ein Kind des Napfs»

Mehr intuitiv als intellektuell ist Peter Schärli bei seinem Werk «Auch so klingt die Schweiz» vorgegangen. Er verwebt in diesem «Hörprotokoll» verschiedene Konzepte und Ideen, die er teils schon früher in anderen Zusammenhängen zum Klingen gebracht hat. «Ich bin eigentlich ein Kind des Napfs», sagt Schärli in Anspielung auf seine Herkunft und die Spaziergänge beim Pilzesuchen, die ihm den Hinterländer Nagelfluhberg nahebrachten.

«Wer in der Schweiz aufwächst, kommt nicht umhin, ­alpine oder heimatliche Klänge in sich zu tragen.» Schon das 15-­minütige Stück «Time Qua­lity» (CD «Tomorrow», 1992) oder die diversen Soundtrack-Projekte waren von heimatlich anmutenden Klängen durchzogen. Aber, sagt Schärli: «Ich habe das nie gesucht, das hat sich einfach so ergeben.»

So findet sich der «Weltmann und Eigenbrötler in einem» (Jazzkritiker Peter Rüedi über Schärli) auch in dessen alpin gefärbter Musik wieder. «Irgendwo dazwischen findet die Schweiz statt, in der ich lebe und arbeite. Diese Schweiz soll auch in meinem Werk aufklingen.»

Die Auftragskomposition wurde an der Jazzabteilung der Hochschule Luzern – Musik für Dozenten ausgeschrieben. Schärli bekam mit seinem Konzept den Zuschlag. Er hat ein Ensemble aus sieben Studierenden der Musikhochschule sowie den Profis ­Barbara Berger (Gesang), Jean Jacques Pedretti (Posaune) und ihm selber formiert.

Die Studierenden teilen sich auf in zwei Sängerinnen, drei Blechbläser, E-Bass und Schlagzeug. Schärli: «Es macht mir extrem Spass, mit diesen jungen Musikern zu arbeiten. Ich bin sicher, dass wir ein schönes und spannendes Programm zu Gehör bringen können.»

Pirmin Bossart
kultur@luzernerzeitung.ch

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