Johannes Rühl: «Die Alpen werden ja auch nicht in Frage gestellt»

FESTIVAL ALPENTÖNE ⋅ Am Freitag startet zum zehnten Mal Alpentöne: Der künstlerische Leiter Johannes Rühl erklärt, warum die Konzertreihe weiterhin und weitherum ein Original geblieben ist. Und wieso sie eine ganz besondere Herausforderung ist.
14. August 2017, 04:38

Johannes Rühl, wie fühlt es sich an, mit dem Festival Alpentöne nun schon die zehnte Ausgabe durchführen zu können, davon die Hälfte als künstlerischer Leiter?

Wir halten uns nicht lange mit Jubiläumsgefühlen auf. Es gibt Fragen, die sich laufend stellen: Wie soll sich das Festival weiterentwickeln, welche Potenziale gibt es, wie verändert sich das Umfeld? Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die musikalischen Szenen im Alpenraum so vielfältig und innovativ sind, dass einem der Stoff wohl niemals ausgeht.

Was war Ihre Grundidee für die diesjährigen Alpentöne? Orientierten Sie sich irgendwie an einem übergreifenden Faden oder Thema?

Der rote Faden sind die Alpen. Das ist Thema genug. Im Laufe der Programmgestaltung ergeben sich immer wieder überraschende Neuheiten oder Zusammenhänge, die ich dann stärker nach vorne rücke. Viele Projekte entstehen erst durch unsere eigene Initiative. So fügt sich alles zu einem hoffentlich stimmigen Programm zusammen.

Wie hat sich das Volksmusikalische im Alpenraum in den letzten Jahren entwickelt oder verändert? Stellen Sie irgendwelche Tendenzen fest?

Es ist erstaunlich, wie viele Musiker seit der ersten Ausgabe des Festivals 1999 noch immer aktiv sind. Andererseits sind sehr viele junge und nicht mehr so junge dazu gekommen, die neue Ideen in das Genre eingebracht haben. Vor allem in der Schweiz hat sich die Qualität der Musiker enorm verbessert. Was früher Rebellion war, ist heute musikalische Innovation. Auffallend ist auch die zunehmende Lust an alter Volksmusik, also der Musik vor dem Ländler. Das traditionelle Material wird heute ernster genommen.

Auch in der Schweiz hat sich eine «Neue Volksmusik» herangebildet, die offen ist für neue musikalische Einflüsse und an der Hochschule Luzern als Schwerpunktfach studiert werden kann. Was sind ihre Qualitäten? Wie gut ist sie im «Volk» verankert?

Das «Volk» gibt es nicht. In der Bevölkerung findet man eine grosse Vielfalt an Geschmäckern und Vorlieben. Der Zulauf bei uns wie auch bei anderen Festivals für neue Volksmusik zeigt, dass diese Musik eine grosse Hörerschaft hat. Die Qualität liegt vor allem in der Offenheit der Musikerinnen und Musiker. Was wir heute hören, hat einen ganz anderen Swing als der Ländler der Nachkriegszeit. Der Studiengang an der Hochschule in Luzern hat für die Qualität Massstäbe gesetzt.

Dieses Jahr sind auch Musiker aus Irland, der Türkei, Finnland und dem Iran mit dabei: Wie passt das inhaltlich zum Thema Alpentöne?

Viele Musiker der neuen Volksmusikszene sind stark von der Volksmusik Skandinaviens beeinflusst worden. Diesen Faden wollen wir weiterspinnen. Junge Profis aus Irland und der Türkei kommen über ein Hochschulprojekt nach Altdorf. So lernt man voneinander, welchen Stellenwert Tradition und Innovation in der jeweiligen Kultur haben. Im Iran ist das Hackbrett genauso zu Hause wie im Appenzell. Das ist Grund genug, sich zu verbinden. Alpentöne sind ja viel mehr als nur Schweizer Volksmusik.

Was ist inzwischen der Stellenwert dieses Festivals, wenn Sie an Ihre Anfänge vor zehn Jahren zurückdenken?

Das Rezept war von Anfang an das Thema und ein sehr offener Umgang damit. Diese Neugierde ist, glaube ich, auch das Geheimnis unseres Erfolges. Wir sind für viele immer noch das Original, auch wenn es inzwischen eine ganze Reihe wunderbarer Fes­tivals mit einem ähnlichen ­Konzept gibt. Obwohl unsere Werbung sehr moderat ist, dürfen wir immer wieder steigende Besucherzahlen verzeichnen.

Mit Alpentöne und dem Haus der Volksmusik wurde in Altdorf ein inhaltlicher Schwerpunkt gesetzt. Wie hat sich dies mit Schweizer und alpiner Musikkultur ent­wickelt? Wird das auch international wahrgenommen?

Die Anregung für das Haus der Volksmusik kam einst aus Skandinavien. Fabian Müller lieferte die Initiative, neben dem Festival Alpentöne ein Labor für Neue Volksmusik zu schaffen, das gemeinsam mit dem Studiengang an der Hochschule Luzern zum Schrittmacher der Innovation werden sollte. Das ist gelungen und wird am Prolog zum Festival am Donnerstag im Theater Uri eindrücklich zu hören sein. Da «authentische» Volksmusik wesentlich regional verankert ist, wird sie mit wenigen Ausnahmen auf der internationalen Bühne kaum wahrgenommen.

Stimmt das Konzept von Alpentöne weiterhin? Drängen sich in Zukunft grundsätzliche Veränderungen auf?

Das Konzept ist nach wie vor gut. Die Alpen werden ja auch nicht in Frage gestellt. Die Musik und die Art ihrer Präsentation dagegen sind wandelbar. Wir denken intensiv über die Zukunft nach. Mit der neuen Gesamtleitung unter Pius Knüsel und weiteren Mitarbeitern ab 2019 werden neue Ideen kommen, die sich auch auf das Programm auswirken.

Wie halten Sie sich auf dem Laufenden, und bleiben Sie am Puls der Zeit, um das Festival zu programmieren?

Alpentöne zu programmieren, ist eine echte Herausforderung. Die Szenen in allen Alpenländern im Blick zu haben und sich in den unterschiedlichen Genres auszukennen, ist keine Selbstverständlichkeit. Wichtig ist ein gutes Netzwerk und der Austausch mit den bedeutendsten Festivals. Manche überraschende Gruppe findet man aber auch nur durch Zufall im Internet.

Gibt es Formationen, Künstlerinnen und Künstler oder Projekte, auf die Sie dieses Jahr speziell gespannt sind?

Auf viele, etwa das Eröffnungskonzert mit Erika Stucky, die Hochschulkonzerte, das Helena-Rüegg-Ensemble oder die Neukomposition von Helena Winkelman. Am meisten bin ich aber nach jedem Konzert auf die Reaktion des Publikums gespannt.

 

Interview Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

 

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