Auftrieb für Putins Gegner Dmitri Gudkow

MOSKAU ⋅ Er trägt kaum noch Schlips, aber das T-Shirt unter seiner Lederjacke ist ähnlich blütenweiss wie einst seine Hemden: Der Exparlamentarier Dmitri Gudkow wird nach dem überraschenden Teilerfolg der oppositionellen Jabloko-Partei bei den Kommunalwahlen in Moskau als neuer Konkurrent des Oppositionsstars Aleksei Nawalny gehandelt.
14. September 2017, 07:33

 «Klar, dass es im Land Bedarf nach Veränderung gibt», sagte Gudkow nach seinem Erfolg und kündigte gleich an, bei den Bürgermeisterwahlen nächstes Jahr kandidieren zu wollen.

Der 37-jährige Gudkow, sein gerade mal 32-jähriger Stabschef Maxim Kaz und mehrere hundert noch jüngere Wahlhelfer gelten als Triebkräfte des Überraschungserfolgs. «Wir haben einen politischen Uber hingekriegt», er­klärte Gudkow den Sieg. Zwar gewann die Staatspartei «Einiges Russland» 76,8 Prozent der Stimmen, aber 266 von 1502 Mandaten holten die zum Grossteil von Gudkow organisierten Oppositionskandidaten.

Quertreibender Karrierist

Politologen vergleichen Gudkow bereits mit Oppositionsstar Nawalny, der bei den letzten Bürgermeisterwahlen in Moskau erstaunliche 27 Prozent holte und bei den kommenden Präsidentschaftswahlen gegen Wladimir Putin kandidieren will.

Gudkow ist jedoch kein Selfmade-Politiker wie Nawalny. Er machte Karriere im Fahrwasser seines betuchten Vaters Gennadi, eines Wachschutzunternehmers und langjährigen Duma-Abgeordneten. Der Sohn folgte ihm 2011 ins Parlament – in die linientreue Fraktion «Gerechtes Russland». Beide gingen aber später bei Anti-Putin-Demos auf die Strasse. Nachdem der Vater sein Mandat verlor, mauserte sich der Sohn zu einem der letzten Quertreiber im Parlament. Er stimmte gegen mehrere Gesetze, die Minderheitenrechte einschränkten, und verweigerte sein Votum für die Krim-Annexion, bevor er schliesslich aus der Partei flog.

«Wir errichten keine Führerstrukturen»

Gudkow fehle das Charisma und der Wille Nawalnys, befand kürzlich der Oppositionelle Sergei Dawidis. Doch während Nawalny auf sich selbst zentriert ist, hat Gudkow vor den Lokalwahlen demokratische, liberalistische, sogar kommunistische Kandidaten mit der launenhaften Jabloko-Partei unter einen Hut gebracht.

Er predigt politische Horizontale. «Wir errichten keine Führerstrukturen, bei uns sind alle gleich. Es gibt keine Chefbüros, wir brauchen viele Anführer.» Gudkow lässt soziale Kompetenz aufblitzen. Diese fehlt den meisten russischen Politikern derzeit.

Stefan Scholl, Moskau


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