Krankenkassen sind zu Selbstbedienungsläden geworden

«Allianz gegen Kranken­kassen», Ausgabe vom 15. März
20. März 2017, 04:36

Mit meiner langjährigen Erfahrung als Vertrauenszahnarzt gemäss KVG/UVG und Gesundheitspolitiker muss ich Konrad Graber vehement widersprechen. Auf den Punkt gebracht sind die Krankenkassen zu Zahlstellen und zu Selbstbedienungsläden geworden. Zunehmend werden beispielsweise im Bereich Zahnmedizin zurückhaltende Empfehlungen bezüglich Kostengutsprachen von Zahnärzten unverhohlen in Frage gestellt. Ein roter Faden im Sinne einigermassen rechtssicherer Entscheide ist immer weniger auszumachen. Zahnärzte üben aus wirtschaftlichen Gründen (Überangebot) zunehmend direkt Einfluss auf die Krankenkassen aus. Fälle von Mobbing häufen sich wegen Ablehnung von nicht leistungspflichtigen Zahnbehandlungen. In mehreren mir bekannten Fällen führte dies zur Entlassung von Vertrauens(zahn)-­ärzten, ohne Begründung und Anhörung, teils ohne schriftliche Kündigung. Damit verkommt der gesetzlich in Art. 57 des Krankenversicherungsgesetzes verankerte Auftrag des Vertrauens(zahn)arztes zur Farce. Unabhängig soll er sein, oder ist er doch der «Richter in Weiss» im Sold der Kranken­kassen? Verschiedene parlamentarische Vorstösse wurden in Bern zu diesem Thema eingereicht. Antworten des Bundesrates darauf grenzen an Schönfärberei. Sie zeugen von einem massiven Wissensdefizit. Was an der Basis im «Selbstbedienungsladen» Krankenversicherung konkret abläuft, dringt nicht bis nach Bern oder wird von der Krankenkassen-Lobby im Parlament abgeblockt. Konrad Graber spricht von Verunglimpfung und reicht den Schwarzen Peter Spitälern und Ärzten weiter. Frustriert stelle ich fest, dass die gegenseitigen Schuldzuweisungen seit meiner Mitarbeit als Nationalrat in der Gesundheitskommission anhalten. Tatsache ist, dass dabei die Anliegen der Versicherten kaum Beachtung finden.

Werner Jöri, alt Nationalrat SP, Vertrauenszahnarzt KVG, Wilen


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